Eine gerade Linie kann ganz krumm sein und eine krumme Linie sehr gerade.

Die Malerin Elisabeth Marx (Beispiele ihrer Arbeit sind hier und hier zu sehen) hat in einem Kommentar hier auf diesem Blog den japanischen „Zen-Maler“ (Bezeichnung von mir) Kazuaki Tanahashi zitiert:

„Someone´s straight line can be very crooked. Another person´s line may not look straight, but it is very straight inside.“

(so viel zu dem oft gehörten Spruch: Ich kann nicht zeichnen. Ich kann noch nicht mal eine gerade Linie ziehen. 🙂 Aber das ist wieder eine andere Baustelle.)

Natürlich bin ich gleich zu Mr. Tanahashi´s Website gerannt. Er zeigt dort u.a. „One-Stroke Paintings“. Mit einer einzigen Geste komponiert er vielschichtige Gemälde voller Tiefe und Ausdruckskraft.

Die Qualität seiner Arbeit wird auf der Website so beschrieben:

“It is impressive, the torque of meaning and depth pressed into each ordinary moment of time, released quite simply by brush and body and ink.” –Norman Fischer, Current

Solche Arbeiten, wie die von Kazuaki Tanahashi zu sehen, machen mich immer ganz froh. Ich strebe es an, mich beim Zeichnen vom Nur-Abbildhaften zu lösen und ich meine damit nicht, dass ich die Abstraktion suche.

Ich versuche die Qualität eines Moments bzw. der Momente, in denen ich das Abzubildende zeichne, zum Ausdruck zu bringen.

Auf dem Weg dahin mache ich ein Abbild nach dem anderen, eine Zeichnung nach der anderen und ich kenne auch keinen anderen Weg zu meinem Ziel als eben diesen. Und während ich auf diesem Weg bin und ich abbilde was ich sehe,  hoffe ich, über das Abbild hinaus, die Fülle eines lebendigen Momentes festhalten zu können.

Die Wahrscheinlichkeit, dass mir das gelingt, ist nicht sehr groß. Aber meine Aufgabe als Zeichnerin ist es“da“ zu sein, im Moment zu sein, im Moment aufmerksam zu sein und alle meine Zeichnungen zu respektieren und willkommen zu heißen, allein schon für ihr Potential mehr zu sein, als die reine Abbildung.

Arbeiten zu sehen, wie die von Kazuaki Tanahashi machen mir Mut (oh ja, zum Zeichnen und für jegliche künstlerische Ausdrucksform braucht es Mut), mein Streben fortzusetzen und weiterzugehen.

Sie zeigen mir, es ist möglich, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Ich muss „nur“ weiter machen. Weiter machen im einfachsten Sinne. Sehen, zeichnen, sehen, zeichnen. Nur dadurch gebe ich dem Unsichtbaren „Geraden“, dem Wesentlichen, die Chance, in der krummen Linie sichtbar zu werden.

3 Gedanken zu „Eine gerade Linie kann ganz krumm sein und eine krumme Linie sehr gerade.

  1. Tanahashi macht einen Workshop in Frankfurt vom 30.9. – 2.10. Mehr unter http://www.dogenzendo.de. Da sind auch Bilder von einem früheren Workshop zu sehen. Freut mich, dass Dir seine Sätze gefallen (ich hatte das vermutet).

  2. Hallo liebe Martina, ich finde das ist eine total schöne Beschreibung Deiner Vorgehensweise, sich über das Abbild/Vorlage von dem Abbild zu lösen. Das spricht mich sehr an und Du machst da auch etwas sehr Eigenes.
    Ich finde es past gut zu meinem Blogparadenthema. Darf ich einen Link setzen bei den Kommentaren? oder auch in einem anderen Beitrag?
    liebe Grüsse
    Helen

    • Jaaaa, bitte bitte bitte!
      gerne, gerne, gerne!
      Ich bin froh, dass ich mich verständlich machen konnte. Ich war mir später nicht mehr so sicher, ob das, was ich da beschreibe, nachvollziehbar ist.

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