Muscheln finden

MuschelnAm Strand Muscheln suchen, das ist wie auf Schatzsuche gehen. Jede Muschel erscheint einem wie eine einzigartige Kostbarkeit. Und einzigartig sind sie bestimmt.

Wenn auch nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, ist jede Muschel unverwechselbar und einmalig. Und genau das macht sie kostbar. Jede einzelne ist ein Wunderwerk der Natur.

Wenn ich Muscheln sammeln gehe, suche ich nicht nach den besonders schönen und perfekten. Ich halte Ausschau nach denen, die schon angeschlagen oder zerbrochen sind und deren Bruchkanten vom Sand und Salzwasser rund geschliffen wurden. Das sind dann für mich „meine“ Muscheln, die, die noch etwas besonderer sind, als all die anderen. Für mich sind genau diese die besonders schönen, welchen man ansieht, dass sie schon so einiges mitgemacht haben und dadurch noch viel interessanter und noch ungewöhnlicher wurden.

Genau genommen „suche“ ich auch nicht nach Muscheln. Ich bin gerne am Strand unterwegs, um Muscheln zu „finden“. Wenn ich Muscheln „finden“ will, bin ich offen für alles, was mir begegnet. Wenn ich „suche“, will ich etwas Bestimmtes und Besonderes und sehe dabei über alles das hinweg, was dieser Vorstellung nicht entspricht.

Beim „Finden“ aber, nehme ich an, was mir „gegeben“ wird, ich bin bereit mich überraschen zu lassen und das Unvorhersehbare zuzulassen. Es ist genau diese Einstellung, die mir das Zeichnen so spannend macht. Ich mache mich beim Zeichnen nicht auf den Weg, um eine ganz bestimmte Zeichnung zu zeichnen, von der ich vorher schon weiß, wie sie aussehen soll. Nein, es ist viel interessanter die Zeichnung beim Zeichnen zu „finden“.

Eine perfekt geplante und perfekt gezeichnete Zeichnung mag beim Betrachter Bewunderung hervorrufen, so wie man auch perfekt geformte Muscheln bewundern kann, aber wirklich tief berührt wird man nur von etwas, das von einem unverwechselbaren gelebtem Leben erzählt.

So wie eine angeschlagene Muschel mit all ihren Rissen und Brüchen zweifellos immer schön ist, so ist eine authentische Zeichnung, die offen und ehrlich von der während des Zeichnens gelebten Erfahrung erzählt, immer gut.

5 Gedanken zu „Muscheln finden

  1. Oh ja, liebe Martina, dieses „Finden“ ist für mich auch das Schönste. Beim Malen oder Schweißen mit Schrottteilen kam immer der Überraschungseffekt von dem dazu, was ich nicht beabsichtigt habe, von dem, was hinter meinem Wollen anscheinend auch noch mitschwingt oder eben, wie du es nennst „gegeben“ wird. Unversehens in diesen versteckten Raum einzutreten, empfinde ich als unglaublich nährend. Wahrscheinlich, weil es der Austausch mit etwas ist, an das ich über den Verstand nicht herankomme …

    • Den „versteckten Raum“, in dem man nur hineinkommt, wenn man an dessen Tür den Verstand abgibt, den klau ich mir. Das ist ein sehr sprechender Begriff und erinnert mich an den „geheimen Garten“.
      Der Verstand kommt dort nicht hin, wo die Sprache nicht hinkommt und Zeichnen ist sprachlos. Beim Zeichnen bringt man etwas zum Ausdruck, von dem man nicht wusste, dass man es gedacht hat.

  2. Das Intuitive sucht sich seinen Weg und lässt sich finden. So zeigt sich gerade das „unperfekte“ als kostbar. Es ist so schön geschrieben…. und eine wohltat es zu lesen.

    • Ja, Mia, so habe ich es gemeint: das Unperfekte ist das Wesentliche, das was den „Unterschied“ macht, das was uns berührt. Wer perfekt sein will, will sich nur dahinter verstecken, hat Angst sich zu zeigen, wie er ist. Aber nur wenn wir bereit sind uns zu zeigen, wie wir sind, als Künstler und als Menschen, können wir andere Menschen erreichen und berühren und ansprechen.

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