Brief an eine junge Künstlerin oder Mut zum eigenen Spiegelbild

Blick in den Spiegel kleinVor ein paar Wochen hat mir über Facebook eine junge Frau geschrieben. Sie studiert seit einem Jahr Kunst und sie fühlte sich entmutigt, weil sie glaubt, alle anderen wären so viel besser als sie.

Sie fragte mich, wie sie den Mut aufbringen könne, ihre eigenen Werke zu mögen.

Weil ich glaube, dass das für alle Künstler ein wichtiges Thema ist, veröffentliche ich hier meine Antwort.

 

 

Liebe Katharina,

du fragst: „Wie kann man den ‚Mut‘ aufbringen, seine Werke zu mögen?“

Seine eigene Arbeit zu mögen, fällt manchem so schwer, wie den eigenen Anblick im Spiegel zu ertragen.

In der eigenen Arbeit begegnet man immer nur sich selbst. Das muss man aushalten können.

Du denkst dir vielleicht, der oder die kann so gut und klasse zeichnen, das sieht so toll aus und meine Zeichnungen sehen so sehr nicht toll aus.

Das denkst du, weil du siehst, dass deine Zeichnungen ANDERS aussehen und du willst nicht anders sei.

Das, was du im Spiegel siehst oder auf deiner Zeichnung, soll so aussehen, wie das, was die meisten für toll halten.

Du hast ganz richtig bemerkt, dass man Mut braucht, die Dinge, die man aus sich selbst heraus erschafft, zu mögen und zu ihnen zu stehen.

Etwas mutig zu tun, heißt nicht etwas zu tun, was einem leicht fällt. Mutige tun etwas Mutiges, nicht weil sie keine Angst davor haben, es zu tun, sondern OBWOHL sie davor Angst haben.

Spüre die Angst und tue es trotzdem – das ist mutig sein.

Man bringt Mut auf, indem man etwas „trotzdem“ tut. Bringe den Mut auf, deine Arbeiten zu mögen, TROTZ und WEIL sie anders sind, als die Arbeiten der Anderen.

Ich habe drei Ratschläge für dich, wie du es dir leichter machen kannst, den Mut aufzubringen, deine eigenen Arbeiten zu mögen:

1. Suche dir Vorbilder, die dich wirklich inspirieren

Mache dich auf die Suche nach Künstlern und Illustratoren, die dir wirklich in ihrem Ausdruck gefallen und die dich ganz tief drin ansprechen.

Also nicht solche, die du einfach nur toll findest, weil sie so gut sind und du dich im Vergleich zu ihnen ganz klein fühlst, sondern solche, bei deren Arbeiten dein Herz anfängt zu singen, solche, die dich so sehr inspirieren, dass du am liebsten sofort mit der eigenen Arbeit beginnen möchtest.

Nach solchen Vorbildern mache dich auf die Suche.

Das macht mutig.

2. Hör auf, die Arbeiten von anderen zu bewerten

Solange du die Arbeiten anderer nur betrachtest, um sie mit deinen Arbeiten zu vergleichen und deine Arbeiten im Vergleich dazu herabsetzt, wirst du dich selbst auch von anderen immer bewertet fühlen.

Erkenne das Einzigartige und Besondere in jeder Arbeit und schaue nicht nur danach, ob du sie gut oder schlecht findest.

Mit der Zeit wirst du dann auch die Einzigartigkeit und das Besondere in deinen eigenen Arbeiten erkennen können.

Das macht mutig.

3. Konzentriere dich nicht so sehr darauf, WAS du machst, sondern WIE du es machst.

Es ist nicht wichtig, was auf deinem Blatt passiert, während du zeichnest, sondern, wie du dich FÜHLST, während du zeichnest.

Das, was du fühlst, überträgt sich automatisch auf deine Zeichnung und deine Zeichnung wird automatisch ausdrucksstark.

Nicht deine Anstrengung und dein Bemühen, gute Zeichnungen zu machen, machen deine Zeichnungen gut, sondern dein Erleben und deine Gefühle machen sie interessant und lebendig. Lass deine unverwechselbare Lebendigkeit und deinen einzigartigen Ausdruck zu.

Das macht mutig.

Schaue in den Spiegel und erkenne, wie schön du bist, einzigartig und unverwechselbar.

Und jetzt schaue deine Arbeiten an.

Sie sind wie Du.

Der jedentagzeichnen-Newsletter erscheint monatlich mit Tipps und Infos rund um´s Zeichnen. Um ihn zu abonnieren, bitte HIER klicken.

19 Gedanken zu „Brief an eine junge Künstlerin oder Mut zum eigenen Spiegelbild

  1. Liebe Martina, ich danke Dir von Herzen für diesen schönen Text. Ich bin erst vor wenigen Tagen auf Deinen wundervollen Blog gestoßen. Ich versuche immer mal wieder mehr zu zeichnen. Aber meistens bleibt es beim Wollen oder beim Kauf eines neuen Zeichenbuches, weil meine Zeichnungen dann doch nicht so toll sind – in meinen Augen -. Da kommt dieser Brief genau richtig. Ja, es erfordert Mut und Verletzlichkeit seine eigenen Arbeiten mit offenen Augen und offenem Herzen zu betrachten.

    • Liebe Nola, ganz vielen Dank für deine lieben Zeilen. Es wäre schön, wenn sie dich dazu bewegten, jetzt tatsächlich deine Zeichenbücher mit Zeichnungen zu füllen.
      Herzliche Grüße,
      Martina

  2. Hallöle,

    Super! Ausdrucken, einrahmen, aufhängen und immer wieder lesen.
    Am besten jedesmal bevor du den Stift in die Hand nimmst.

    Und vor allem das mit den Vorbildern… Van Gogh hat mal einen Zimmermann „hingezimmert“, da denkt jeder „das hätt ich auch gekonnt“. Aber ein oder zwei Jahre später die „Weinende Frau“, da möchtest grad mitflennen.
    Nur Mut, und nicht aufgeben. Das wird!

    Grüßlen aus dem Süden sendet
    Ben

    • Ja, ich kann mich erinnern, auch schon mal die Empfehlung gegeben zu haben, sich bestimmte Merksätze sogar neben das Klo zu hängen. Manches muss man erst immer und immer wieder lesen, bis man „den Mut findet“, dem Verstehen Taten folgen zu lassen.

  3. Ich habe mir schon mehrere Sachen hier durchgelesen. Bin erst seit ein paar Tagen hier und lese und lese und lese und schaue mir die Bilder an. Alles sehr ermutigend, liebe Martina. Bei diesem Brief hat mich Punkt 3 sehr angesprochen. Ich habe mein leeres Zeichenbuch rausgekramt, das ich mir vor ein paar Jahren mal gekauft habe und zeichne jetzt auch jeden Tag. Ich probiere ein paar verschiedene Stifte aus und fühle mich nicht mehr überfordert von einem Blatt Papier. Ich kann ja auch nur ein Detail zeichnen. Danke für die vielen guten Anregungen und die Motivation. Es macht wieder Spaß! LG Linda

  4. Einfach nur wow!

    Ich bin eben zufällig über deinen Blog gestolpert nachdem ich heute einen schlechten Tag hatte mit dem Zeichnen (und Malen). Ich war mit allen Ergebnissen heute so unzufrieden dann ich jetzt abends gar keine Lust mehr hatte, etwas Neues anzufangen. Deine Worte streicheln die Künstler-Seele! Ehrlich! Ich fühle mich gerade um so vieles besser, das ist wundervoll! Vielen Dank für deine Worte. 🙂

    Viele liebe Grüße!

    • ❤ Unzufriedenheit ist lästig und überflüssig. Beim nächsten mal entscheide dich dagegen – und mache trotzdem weiter oder beende den Arbeitstag ohne Groll. Gefühle kommen und gehen bzw. man kann sich selbst entscheiden, ob man sie nährt oder ingnoriert, denn dass du weiter gearbeitet hast, ist das einzig Wichtige, was am Ende zählt. Herzliche Grüße, Martina 🙂

  5. Hallo Martina,

    Dein Blog ist wirklich beREICHernd!
    Das mit dem ÜBEN hat mich total angesprochen und ich will das beim Zeichnen, beim Üben IM Zeichnen jetzt auch mehr berücksichtigen.
    Vor ein paar Tagen, als ich mit einer knubbeligen Baumwurzel begann, kam ich plötzlich in einen Zustand, in dem wirklich nur noch Auge und Hand synchron aktiv waren. Die Zeit verschwand, der Raum um mich herum war nicht mehr vorhanden. Als ich dann nach einer Weile das Gezeichnete betrachtete, dachte ich WOW!
    Das sind jetzt keine unterschiedlich gebogenen Linien mehr mit helleren und dunkleren Zwischenräumen – nein, das ist einfach nur das, was ich gesehen habe!
    Und dabei kam auf einmal so etwas Wesenhaftes hervor,

    http://art-reich.blogspot.de/2016/03/faun-im-wurzelwerk.html

    was ich im nächsten Schritt verstärkt habe, weil ich es einfach darin sah.
    Das hat so viel Spaß gemacht!

    Da ich aber von Natur aus (auch!) ein Pingel bin (was zu meinem Charakter einfach dazugehört), werde ich nebenher auch weiterhin das fotorealistische Zeichnen von Gesichtern genießen.

    Danke für Deine tollen Anregungen hier!
    Muss immer wieder gesagt werden!

    Herzlichen Gruß,
    Ulrike

    • Ich danke dir von Herzen, liebe Ulrike! ❤ Sich selbst zu erkennen, wer man ist und wie man ist – Pingel eben – und dieses Pingel sein oder was auch immer, zu genießen, ist das Wichtigste überhaupt. (Manche glauben, ein Pingel sein zu müssen, weil man sie gelehrt hat, das gehöre zu einem guten Charakter, weil alles andere, nicht pingelige, sei Nachlässigkeit. Nicht-Pingelige müssen ihr Nicht-Pingeligsein eben auch erkennen, an-erkennen und mit Freude ausleben.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s