Wie sich meine Jazz-Zeichnungen „entwickeln“

Manchmal werde ich bei Konzerten von Leuten gefragt, die bemerken, dass ich zeichne, ob sie meine Zeichnungen sehen dürfen. Ich lehne dieses Ansinnen immer ab mit der Begründung, dass ich sie ja selbst noch nicht gesehen habe. Ich weiß natürlich, dass das für einen Nicht-Zeichner befremdlich klingen muss, schließlich habe ich doch die Zeichnung soeben gezeichnet, demnach habe ich sie doch wohl auch gesehen.

Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich eine Zeichnung gerade an-fertige oder ob ich eine Zeichnung an-sehe. Ich versuche das dann immer mit der Arbeit eines Fotografen zu vergleichen. Kein Mensch käme auf die Idee, einen Fotografen sofort, nachdem er auf den Auslöser gedrückt hat, darum zu bitten, das Bild herzuzeigen. Schließlich ist das Foto doch noch gar nicht entwickelt. Ich weiß, dieser Vergleich ist im Digital-Foto-Zeitalter nicht mehr ganz haltbar, aber ich gehe mal davon aus, dass die Prinzipien der analogen Fotografie noch allgemein bekannt sind. Der (analog arbeitende) Fotograf sieht erst, wenn er das Bild aus dem Entwicklerbad hebt, wie es aussieht. Erst dann sieht er, wie sich das Bild entwickelt hat. Selbst wenn er es wollte, es wäre ihm nicht möglich, ein soeben fotografiertes Bild sofort jemandem zu zeigen, obwohl es schon entstanden ist und auf gewisse Weise sogar schon existiert.

Meine Zeichnungen müssen nicht einer chemischen Prozedur unterzogen werden, um sichtbar zu werden, allerdings sind sie noch nicht das, wozu sie noch werden können. Tatsächlich wird eine Zeichnung erst dann zu einer Jazz-Zeichnung, wenn mein Blick darauf gefallen ist. Das darf nicht irgendein Blick sein und schon gar nicht mein Zeichner-Blick. Es muss ein sehr neutraler Blick sein, ein Blick, der keine Ahnung davon hat, was meine Augen gesehen haben, als ich zeichnete, weil er beim Zeichnen nicht dabei war. Erst dann schließt sich der Kreis.

Dieser neutrale Blick ist das „Entwicklerbad“ einer Zeichnung. Nur mit seiner Hilfe entwickelt sich unter meinen Augen eine Zeichnung entweder zu einer Jazz-Zeichnung oder sie bleibt eine Zeichnung, die entstanden ist auf dem Weg zu einer Jazz-Zeichnung.

Das Hauptcharakteristikum des neutralen Blicks ist, dass ihm so ziemlich alles gleichgültig ist – gleichgültig wie in „gleich gültig“, alles ist gleich viel wert. Manchmal jedoch wird diese Gleichgültigkeit des neutralen Blicks erschüttert durch etwas, das ihn dazu zwingt seine neutrale Position aufzugeben. Manchmal nämlich kommt dem neutralen Blick etwas unter die Augen, das ihn mehr interessiert als etwas anderes. Sein Interesse wird dann geweckt, wenn es ihm möglich ist etwas zu erleben, dass der andere Blick, der Zeichnerblick, einst erlebt hat. Wenn ein an sich neutraler Blick plötzlich bewegt und beeindruckt ist, von dem, was der Zeichner auf dem Papier zum Ausdruck gebracht hat, nämlich das unmittelbare Erleben der Musik, in diesem Moment ist die Jazz-Zeichnung entstanden und ich selbst sehe sie dann tatsächlich zum allerersten Mal.

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4 Gedanken zu „Wie sich meine Jazz-Zeichnungen „entwickeln“

  1. Hallo liebe Martina!

    Wieder einer deiner interessanten und jedes Mal sehr lesenswerten Einträge – vielen Dank dafür! 🙂

    Übrigens, dein Vergleich mit der Digitalen Fotorafie hinkt in keinster Weise.
    Digitale Fotografen (ich zähle mich auch zu dieser Zunft, wenn auch nur als langjähriger Amateuer) bezeichnen mit dem „Entwickeln“ ihrer Bilder, den Vorgang der elektronischen Bildbearbeitung – NACH der eigentlichen Aufnahme.
    Meist geschieht das zuhause am Rechner mit Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop o.ä.
    Erst danach, wenn das Foto sozusagen „entwickelt“ wurde (meist muß hier in den Bereichen, Farben, Kontrast, Schärfe, … nachgearbeitet werden), ist es fertig für „die Öffentlichkeit“.

    Ich finde es sehr schön, dass wir diesen vielsagenden Begriff mit in die „moderne Zeit“ retten konnten!

    Viele liebe Grüße
    Dermot

    By the way – ich empfinde deine Jazz-Zeichnunen als sehr eindrucksvoll und ausdrucksstark.

  2. Hallo Martina! Das hast Du sehr schön geschrieben. Ich zeichne auch oft in Konzerten oder auch in Cafés und Restaurants. Ich wurde bisher noch selten gefragt, da ich in ein Buch zeichne, was wohl eher nach schreiben aussieht.Zudem ist es schnell zugeklappt, wenn mir jemand zu nahe kommt 😉 Wenn ich doch mal gefragt werde, was ich da tue. sage ich, dass das mein Tagebuch ist. Was für mich auch stimmt. Dann ist meisten Ruhe 😉
    Ich schaue oft erst am nächsten Tag wieder in mein Buch. Und entdecke dann die neuen Zeichnungen 😀 Und oft bin ich überrascht, wie sie hineingeommen sind. So lange brauchen sie bei mir, bis sie sich entwickelt haben. Und erst dann bin ich ab und zu bereit, manche dieser Zeichnungen auch zu zeigen.

    • Der „andere“ Blick zu einem anderen Zeitpunkt macht wirklich viel aus. Es ist eine gute Idee, seine Zeichnungen nach der Fertigstellung erstmal ein paar Tage nicht anzuschauen. Betrachtet man sie sofort, kann es passieren, dass man dann die eigenen unfreundlichen Gedanken der Unzufriedenheit über sie ausschüttet und diese Flecken kriegt man nie mehr raus, nie mehr kann man sie rein und unvoreingenommen betrachten.

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