Die wahre Belohnung für´s Zeichnen

Iris2Neulich, während der Pause im Zeichenworkshop in Köln, zeigte uns eine der Teilnehmerinnen ein ausgedrucktes Zitat, das sie sich in ihr Skizzenbuch geklebt hatte. Da war zu lesen:

“Practice any art to experience ‘becoming’, to find out what´s inside of you, to make your soul grow”
(“Übe jegliche Kunst aus, um zu erleben ‘zu werden’, um herauszufinden, was in dir steckt, um deine Seele wachsen zu lassen” – Kurt Vonnegut, US-amerikanischer Schriftsteller

Ich kannte dieses Zitat, denn ich hatte es mir auch schon notiert. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, hier an dieser Stelle von der Geschichte zu erzählen, die mit diesem Satz verbunden ist.

Im Jahr 2006 bekamen Schüler einer amerikanischen High School von ihrer Englischlehrerin die Aufgabe, an ihren Lieblingsschriftsteller einen Brief zu schreiben, mit der Bitte, ihre Schule zu besuchen.

Einige der Schüler schrieben an Kurt Vonnegut. Er war der einzige der angeschriebenen Autoren, von dem die Klasse eine Antwort erhielt.

In diesem Brief ruft er die Kinder auf, sich ganz der Ausübung der Kunst zuzuwenden und er gibt ihnen eine ungewöhnliche Hausaufgabe.

Ich weiß nicht, ob sie die Herausforderung dieser Hausaufgabe tatsächlich angenommen haben. Ich jedenfalls fühle mich nicht in der Lage, es zu tun und doch würde ich jeden dazu ermuntern, es zu versuchen – wenn er denn den Mut dazu aufbringen kann.

Am besten, du liest selbst, um welche Hausaufgabe es sich handelt.

November 5, 2006
Liebe Xavier High School und Ms. Lockwood,
ich danke euch für eure freundlichen Briefe.
Ihr versteht es wirklich, einen alten Zausel (84) auf seine alten Tage aufzumuntern.
Ich trete nicht mehr in der Öffentlichkeit auf, weil ich eher, mehr als allem anderen, einem Leguan gleiche.
Was ich euch zu sagen hätte, würde außerdem nicht lange dauern. Nämlich:
Übt jegliche Kunst, Musik, Gesang, Tanz, Schauspielern, Zeichnen, Malen, Bildhauern, Poesie, Schreiben, egal ob gut oder schlecht, nicht für Geld aus oder um berühmt zu werden, sondern um die Erfahrung zu machen “zu werden”, um herauszufinden, was in euch steckt, um die Seele wachsen zu lassen.
Ich meine es ernst!
Fangt jetzt in diesem Moment damit an, macht Kunst und macht sie für den Rest eures Lebens. Zeichnet ein lustiges oder ein hübsches Portrait von Ms Lockwood und gebt es ihr. Tanzt nach der Schule nach Hause, singt unter der Dusche und so weiter und so weiter. Zeichnet ein Gesicht in euren Kartoffelbrei, tut so, als wärt ihr Graf Dracula.
Hier ist eine Hausaufgabe für heute Abend, und ich hoffe Ms. Lockwood wird euch durchfallen lassen, wenn ihr es nicht tut:
Schreibt ein sechszeiliges Gedicht über irgendetwas, aber es muss sich reimen. Macht es so gut wie möglich, aber sprecht mit niemandem darüber. Zeigt es niemandem und lest es niemandem vor, noch nicht mal euren Freunden oder euren Eltern oder Ms. Lockwood. Ok?
Zerreißt es dann in winzig kleine Stücke und verteilt sie in weit voneinander entfernt stehenden Mülleimern. Ihr werdet feststellen, dass ihr für das Gedicht schon großartig belohnt worden seid. Ihr habt es erlebt “zu werden”, wisst eine Menge mehr darüber, was in euch steckt und ihr habt eure Seele wachsen lassen.
Gott segne euch alle!
Kurt Vonnegut

Na? Wäre das etwas für dich, etwas zu schreiben, zu zeichnen, zu malen mit deinem ganzen Herzen und es dann zu zerreißen und wegzuschmeißen, weil es dir dabei ausschließlich darum gehen sollte, deine eigene Seele wachsen zu lassen?

Ich könnte das nicht. Aber ich denke, diese Idee ist es wert, dass man eine Weile darüber nachdenkt.

Vonnegut sagt ja nicht, dass man grundsätzlich mit seiner Kunst so verfahren soll, sondern dass man es einmal tut, ein einziges Mal, um sich bewusst zu werden, wie sehr jegliches künstlerisches Tun das eigene Wesen, die eigene Person, bereichert.

Wie oft, und ich nehme mich da wirklich nicht aus, zeichnen wir, damit andere von uns oder von unserer Zeichnung beeindruckt sein sollen? Wie oft zeichnen wir, um damit von Irgendjemandem eine “gute Note” zu bekommen?

Wenn wir von Anfang an diese erhoffte gute Note im Blick haben, fühlt sich das Kunst machen dann nicht ganz anders an? Beschränken wir uns dann nicht in unserem Ausdruck, um ja auch niemandem nicht zu gefallen?

Auch ich liebe es, wenn Anderen meine Arbeiten gefallen und wenn sie sich positiv darüber äußern. Nicht immer steht bei mir, während meines Zeichnens, das Wachstum meiner Seele an erster Stelle.

Aber: Ich weiß, dass ich tiefer schöpfe, mehr eigene Grenzen überschreite, mehr bis dahin Unentdecktes und Unbekanntes auf dem Papier erscheint, wenn ich es zulasse, etwas zu zeichnen, dass niemandem gefallen muss, auch mir selbst nicht.

Wie oft schon habe ich etwas gezeichnet, mit dem ich zuerst nichts anfangen konnte, es sogar schlecht fand und später, wenn ich es nach einer Weile unbefangen anschaute, darauf etwas entdeckte, von dem ich selbst nicht wusste, dass es in mir gewesen ist.

In solchen Momenten fühle ich mich für meine Arbeit wahrhaft belohnt und ich weiß, dass meine Seele wieder ein bisschen gewachsen ist.

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Ein Gedanke zu „Die wahre Belohnung für´s Zeichnen

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