Mühelos zeichnen

flute34Vor einigen Jahren zeichnete ich ein Mal in der Woche in einem großen Gemeinschaftsatelier, das von mehreren Künstlern gleichzeitig genutzt wurde.

 Ich zeichnete dort Still-Leben nach mitgebrachten Gefäßen und Zweigen.

An einem Tag hatte ich keine Lust mich mit der Vase, die vor mir stand, zu beschäftigen. Ich wusste nicht, was ich sonst zeichnen wollte und so begann ich auf dem Bogen Papier, den ich mit zwei Klammern an einem Zeichenbrett auf einer Staffelei befestigt hatte, mit einem Stück Kohle Linien zu ziehen.

Ich zeichnete also nicht, um zu zeichnen, sondern ich zeichnete, um nicht nicht zu zeichnen.

Zunächst fand ich es langweilig und es war mir vor mir selbst ein bisschen peinlich, dass mir nichts Aufregenderes einfiel, als einfach nur Linien zu ziehen. Aber solange ich keine andere Idee hatte, wollte ich damit fortfahren.

Die Kohle in meiner Hand machte ein leises Geräusch, als ich sie mit einer langen Armbewegung über die gesamte Breite des Papieres zog. Es klang so, als hörte man durch ein geöffnetes Fenster, unten auf der Straße, ein Auto über den nassen Asphalt fahren.

Ich zeichnete eine Linie nach der anderen. Sie sahen alle unterschiedlich aus, und ich begann genauer hinzuschauen.
Je nachdem, welche Haltung ich einnahm, wie ich die Kohle in der Hand hielt, ob ich sie schnell oder langsam führte und welchen Druck ich auf die Kohle ausübte, veränderte sich die Spur, die sie auf dem Papier hinterließ.
Die Regel, die ich zu Beginn aufgestellt hatte, lautete, die am linken äußeren Rand aufgesetzte Kohle erst wieder vom Papier zu heben, wenn der rechte äußere Rand erreicht war.

Vor meinen Augen entstanden abwechslungsreiche Gebilde. Manchmal brach ein Stück der Kohle ab, und der breite samtige Strich aus Kohlestaub veränderte sich abrupt in eine zarte nervöse Linie, die jedes Zittern meiner Hand aufzeichnete.

Auf dem Weg zum Waschbecken, wo sie ihre Pinsel auswaschen wollte, blieb eine der Atelier-Künstlerinnen hinter mir stehen und schaute auf mein Blatt.

„Was machst du da?“ fragte sie.
Ich hatte keine Ahnung, was ich ihr antworten sollte. Dann hörte ich mich selbst sagen:
“ Ich übe mich darin, eins nach dem anderen geschehen zu lassen.“
Plötzlich war mir klar geworden, was ich da machte.

Und ich fügte hinzu:“Ich lasse die Zeichnung geschehen.“

„Ah ja“, entgegnete sie, „ich verstehe“, dabei sah sie mich von der Seite an, als wolle sie prüfen, ob es mir auch wirklich gut geht.

Sie hob das Glas mit den verkrusteten Pinseln in die Höhe, um mir anzudeuten, dass sie noch zu tun habe und ging weiter.

Wieder allein vor meiner Staffelei stehend, dachte ich darüber nach, was ich soeben gesagt hatte.

„Ich übe mich darin, eins nach dem anderen geschehen zu lassen“ und

„Ich lasse diese Zeichnung geschehen.“

Jede Zeichnung, so wurde mir bewusst, zeichnet sich im Grunde selbst.

Sobald der Zeichner es schafft, sich, abgesehen von wenigen Vorgaben, wie Material und Motiv, den eigentlichen Zeichenprozess nicht kontrollieren zu wollen, „geschieht“ eine eigenständige Zeichnung.

Die durchgehenden und sich doch stets verändernden Linien vor mir auf dem Blatt Papier, brachten das ganz deutlich zum Ausdruck.

Beim Zeichnen bringe ich meine Lebenszeit mit der Zeit der Zeichnung in Übereinstimmung.

Für die Dauer des Zeichnens wird mein Atmen, mein Herzschlag und alles, was ich in dieser Zeit verkörpere, durch den Stift auf das Papier übertragen.
Und mehr braucht es nicht.
Eine Zeichnung wird dann ganz von selbst zum Ausdruck meines, in der Zeit des Zeichnens gelebten Lebens und somit eine
durchs Leben gefühlte mit Leben gefüllte Zeichnung.
 
Wenn ich eine Zeichnung beginne, bin ich manchmal ungeduldig und es geht mir nicht schnell genug. Ich will die fertige Zeichnung endlich vor mir sehen und ich fange an, über die Zeichnung zu bestimmen.
So soll sie aussehen, und so und so und so, und jedem Gedanken lasse ich einen Strich folgen und mit jedem Gedanken will ich die Zeichnung kontrollieren.
Schließlich bin ich ja diejenige, die wissen muss – so empfinde ich es dann in solchen Momenten – wie die fertige Zeichnung auszusehen hat.
Ich reiße den Zeichenprozess an mich.
Bei dieser Art von Zeichnen, „denke“ ich die Zeichnung in ihre Fertigstellung.

Eine solche Zeichnung ist dann aber keine authentische Zeichnung, sondern nur ein Abbild, wenn nicht gar eine Fälschung ihrer selbst, denn es gab sie schon zuvor, nämlich im Kopf des Zeichners.

Eine authentische Zeichnung kann ich in meiner Vorstellung aber nicht vorwegnehmen, kann sie nicht wie einen Schnappschuss mit der Kamera zuerst in meinem Kopf entstehen lassen, um sie, quasi nachträglich, nur noch mit dem Stift auf´s Papier zu übertragen.

 Eine authentische Zeichnung entsteht immer erst während der vergehenden Zeit, denn eine Zeichnung ist immer Aufzeichnen von Lebenszeit.

Eine Zeichnung „geschieht“, so wie im Moment des Zeichnens das Leben des Zeichners „geschieht“.

Das ist auch der Grund, warum uns manche Zeichnungen, z.B. von Schiele oder Rembrandt, auch nach vielen Jahrzehnten oder nach Jahrhunderten so lebendig erscheinen, so spürbar gegenwärtig, als seien sie eben erst entstanden.

Solche Zeichnungen sind authentische Spuren gegenwärtig gelebten Lebens und sie existieren immer in der Gegenwart.

Sie sind ewig lebend und können niemals Vergangenheit werden.

Was diese Linien darstellen und verkörpern, existiert stets im Jetzt.

Der Zeichner, wenn er es schafft sich von seinen Projektionen in die Zukunft und seinen Vor-Urteilen aus der Vergangenheit zu lösen, also keine vorgefasste Vorstellung im Kopf hat, der er glaubt zeichnend entsprechen zu müssen, erlaubt der Zeichnung, während der gemeinsam erlebten Zeit, in einem natürlichen Prozess zu entstehen. Die Zeichnung geschieht.

 An jenem Vormittag in diesem Gemeinschaftsatelier, habe ich viel über das Zeichnen gelernt.

Ursprünglich hatte ich ja diese Linien nur gezeichnet, um nicht

nicht zu zeichnen. Dadurch war ich, ohne es beabsichtigt zu haben, plötzlich völlig losgelöst von irgendwelchen vorgefassten Erwartungen an eine fertige Zeichnung. Ich befand mich meinem eigenen Zeichnen gegenüber in einer Beobachtungsposition und ich konnte das Zeichnen quasi von außen sehen.

Ich erkannte, dass ich die meiste Zeit meinem eigenen Zeichnen im Weg stand, weil ich glaubte, ich müsste etwas Bestimmtes tun, müsste alles Mögliche beachten und mich selbst und den Stift auf eine bestimmte Weise kontrollieren.

Fast immer empfand ich das Zeichnen als mehr oder weniger anstrengend. Das war auch der Grund, warum ich an diesem Tag keine Lust hatte diese Vase zu zeichnen. Ich wollte zwar zeichnen und ich war auch mit der Absicht zu zeichnen ins Atelier gekommen, aber dort angekommen, empfand ich das Zeichnen, wie schon so oft zuvor, als lästig und anstrengend und ich spürte einen starken inneren Widerstand.

Aber in diesem, in dem von mir bis dahin bekannten Zeichnen losgelösten Moment, wurde mir klar, dass ich mir selbst, dem Zeichnen und der Zeichnung nur im Weg stand, wenn ich mich bemühte, eine bestimmte Zeichnungs-Erwartung entsprechen zu wollen und das mich das viel Energie kostete.

Ich verstand, dass Zeichnen nichts ist, bei dem man mit Mühe und Anstrengung weiterkommt.

Seit damals habe ich das Zeichnen niemals mehr als schwierig empfunden.

Wenn ich es erlaube – und das ist wichtig hier, ich muss mich dazu entschließen, es zuzulassen – wenn ich es also mir und der Zeichnung erlaube, gleichzeitig zu sein und zu geschehen, dann ist Zeichnen mühelos.

Es stimmt, es ist manchmal schwierig, DASS man zeichnet, eben weil man so viele vorgefassten Meinungen übers Zeichnen im Kopf hat und auch immer wieder von allen Seiten in den Kopf gesetzt bekommt, wie z. B. dass das Zeichnen eben mühevoll und anstrengend sei.

Aber wenn man es dann tut, wenn man zeichnet, verlangt das Zeichnen von einem überhaupt nicht viel.

Man muss nur in diesem Moment, im Hier und im Jetzt, seinen Stift, sein momentanes So-Sein und seine ungeteilte Aufmerksamkeit zur Verfügung stellen und die Zeichnung kann geschehen – mühelos.

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2 Gedanken zu „Mühelos zeichnen

  1. Ein schöner Satz…
    „Solche Zeichnungen sind authentische Spuren gegenwärtig gelebten Lebens und sie existieren immer in der Gegenwart.“

    • Das freut mich sehr zu hören. Mir wurde das zum ersten Mal bewusst, als ich vor einem gezeichneten Selbstporträt von Egon Schiele stand. Diese Zeichnung hat mich angeatmet. Nicht, weil sie wie „in echt“ aussah, sondern, weil die Linien lebendig waren. Ich musste den Ausstellungssaal für einen Moment verlassen, weil mich das überwältigt hat.

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