Siehst du beim Zeichnen eigentlich was du siehst?

Foto von Petra Bachmann, München

Foto von Petra Bachmann, München

Es ist so wichtig, dass du dir glaubst, was du siehst – was du tatsächlich siehst – und nicht nur siehst, was du glaubst zu sehen.

Bei einer Teilnehmerin eines Porträt-Workshops bemerkte ich, dass sie, sobald sie zu zeichnen begann, nachdem sie einen Blick auf das vor ihr sitzende Modell geworfen hatte, die Augen mandelförmig zeichnete.

Sie zeichnete die Augen bei jedem Modell mandelförmig, gleichgültig, ob es ein männliches Modell war oder ein weibliches, gleichgültig, ob die Augen des Modells mandelförmig waren oder nicht. Sie zeichnete immer, geradezu automatisch, einen oberen flachen Bogen und einen unteren flachen Bogen und die Augenlider formte sie ihnen entsprechend nach.

Ich beugte mich zu ihr hinunter und hielt meinen Kopf neben ihren Kopf, um ihre Seh-Position nachzuvollziehen. Dieses Modell, das wir nun beide nahezu von der gleichen Perspektive aus betrachteten, hatte – ja, im Prinzip stimmte es – mandelförmige Augen. Aber: die Bögen der Augen waren weder gleichmäßig gebogen, noch waren sie symmetrisch. Der Scheitelpunkt des Bogens war, zum Beispiel, nicht in der Mitte, und bei beiden Augen unterschiedlich. Die Bögen der Augenlider folgten nicht den Bögen der Augenfassung. Sie waren völlig eigenständige Gebilde aus unterschiedlich ansteigenden und wieder abfallenden gebrochenen Linien, die sich überkreuzten und überlagerten.

Ich streckte den Finger aus und zeichnete damit, den Linien folgend, so wie ich sie sah, in die Luft. „Schau“, sagte ich, „hier steigt die Linie an, dann ist sie für einen Moment ganz flach und dann läuft sie mit einem sanften Schwung nach unten. Siehst du es“, fragte ich, überzeugt davon, dass ich mich ganz klar ausgedrückt hatte. „Weißt du, was ich meine?“

„Nein“, sagte sie, „ich weiß nicht, was du meinst.“

Ich war am Ende mit meinem Latein.

Leider gelang es mir nicht, mich verständlich zu machen und der Zeichnerin zu helfen, ihren Augen zu erlauben, das wahrzunehmen, was sie tatsächlich sahen.

Sie wusste, vom Verstand her, was sie glaubte, sehen zu müssen, aber sie konnte nicht erkennen, was sie mit den Augen hätte sehen können.

Der Verstand sagte ihr, alle Augen sind mandelförmig und deshalb zeichnen wir alle Augen mandelförmig. Ich habe schon so viele Augen gesehen, sagte er, ich weiß wie Augen aussehen.

Das eigentliche Sehen kam nicht am vermeintlichen Wissen des Verstandes vorbei. Ihr Verstand hatte sich ein feststehendes allgemeingültiges Bild von dem Begriff  „Augen“ gemacht und verstellte ihr damit, im wahrsten Sinne des Wortes, den Blick.

Dieses Phänomen war mir damals noch nicht bewusst und ich konnte nicht nachvollziehen, warum sie nicht sehen konnte, was für mich so offensichtlich war.

Wir vertrauen unserem Seh-Sinn und unserer Wahr-Nehmung nicht, weil wir so sehr daran gewöhnt sind, die „Kürzel“ des Verstandes als das eigentliche Bild zu akzeptieren.

Es ist ja auch klasse, dass unser Verstand so schnell und effizient arbeitet, so müssen wir nicht jeden einzelnen Baum, jeden einzelnen Stuhl von neuem mühsam entziffern, um schließlich zu erkennen, was wir vor uns haben. Wir sehen einen Baum und sofort können wir uns jegliches weitere Hinschauen sparen, denn wir haben ihn ja schon längst als solchen identifiziert.

Die größte Herausforderung, der wir uns beim Zeichnen stellen, ist es, das Wissen unseres Verstandes zu umgehen und unmittelbar HIN-zusehen und durch das Gespinst aus abgespeicherten Vor-Urteilen hindurchzusehen.

Wir müssen uns dieses Vorwissen praktisch aus den Augen wischen oder es uns von den Augen nehmen, wie eine beschlagene Brille, damit wir klar sehen, damit wir ganz klar und deutlich erkennen, wie etwas tatsächlich aussieht, OBWOHL wir wissen, was es ist.

Wenn wir zeichnen wollen, müssen wir uns daran gewöhnen, hinter die Bezeichnung zu schauen, hinter den Begriff, mit dem es unser sprachgebundener Verstand identifiziert.

Ein guter Anfang ist gemacht, wenn wir uns dieses Phänomen überhaupt erst mal bewusst machen. Unser Verstand versucht, uns beim Zeichnen mit eingeschränkten Informationen abzuspeisen, weil er es nicht für nötig hält, mehr über ein Motiv zu erfahren, als er wissen muss, um es in irgendeine Gebrauchskategorie einordnen zu können.

Im Folgenden möchte ich dir vier Übungen vorstellen, mit deren Hilfe man aber den Verstand austricksen kann.

Übung 1

Der verschleierte Blick

Betrachte dir etwas, einen Gegenstand oder auch eine Landschaft und dann stell dir vor, so lebhaft wie du nur kannst, dass du einen Schleier vor den Augen hast. Diesen Schleier ziehst du dir mit einer entsprechenden Geste (in echt oder in Gedanken) wie einen Vorhang zur Seite. Dein Blick stellt sich scharf und plötzlich siehst du alles viel deutlicher als vorher.

Wenn du dann noch ein staunendes „Wow“ ausrufst, wird dein Verstand neugierig und er glaubt, es gibt etwas zu sehen, was er noch nie zuvor gesehen hat und von dem er noch gar nichts weiß und er erlaubt dir, viel mehr Details wahrzunehmen, als er dir üblicherweise zugesteht.

 

Übung 2

Die menschliche Kamera

Schließe die Augen, drehe den Kopf um ein paar Grad zur Seite oder nach oben oder nach unten, gerade so viel, dass du ein bisschen die Orientierung verlierst und nicht mehr weißt, was genau vor dir liegt. In dieser Position – verdrehter Kopf mit geschlossenen Augen – öffne die Augen ganz kurz und schließe sie SOFORT wieder, so wie sich die Blende einer Kamera nur für das Sechzigstel einer Sekunde öffnet und sofort wieder verschließt. Nun hast du ein inneres Bild „geknipst“, ohne vorher zu wissen, was dir da vor die Linse kommen wird. Knipse auf diese Weise ganz viele Fotos hintereinander. Nicht zu schnell, aber doch zügig. Bevor du ein neues Bild knipst, nimm das innere Bild ganz kurz wahr und mache dann ein neues.

Also noch mal: die Augen nach jedem Foto geschlossen halten, den Kopf verdrehen, die Augen öffnen und gleich wieder schließen. Mache mindestens zwei Filmrollen voll oder eine Speicherkarte, je nachdem, was dir in deiner Fantasie näher liegt.

Wenn du diese Übung über mehrere Tage hinweg immer für ein paar Minuten machst, wirst du dich daran gewöhnen zu sehen, was es im Moment tatsächlich zu sehen gibt.

Neulich, als wir diese Übung im Workshop gemacht haben, berichtete eine Teilnehmerin, sie habe auf einem ihrer inneren Fotos die Farbe Blau gesehen. Sie wurde sich bewusst, dass ihr Verstand sagte, nein, das kann nicht sein, an dieser Stelle ist kein Blau. Aus irgendeinem Grund, wollte er es nicht wahrhaben und sie war geneigt ihm zu glauben. Als sie es überprüfte, stellte sie fest, dass dieser Gegenstand tatsächlich blaue Stellen aufwies, die der Verstand jedoch als unwichtig abgetan hatte, indem er ihr Vorhandensein einfach leugnete. Nach dieser Erfahrung ist es für die Teilnehmerin nun wichtig, weiterhin ihren unmittelbaren Eindrücken zu vertrauen und nicht auf die Besserwissereien des Verstandes zu hören.

 

Übung 3
Die Laserkanone
Stell dir vor, mit jedem Blick, den du auf etwas wirfst(!), sendest du einen ganz schmalen Laserstrahl aus deinen Augen und dieser Strahl trifft immer nur auf ein ganz winzig kleines Detail von dem, worauf du schaust.
Versuche dir bewusst zu machen, auf welchem winzig kleinen Detail dein Blick tatsächlich gelandet ist. Wenn du deinen Blick auf deinen Schuh geworfen hast, dann hast du nicht zuerst z. B. die Schnalle gesehen. Dieses Detail ist viel zu groß und wurde dir nur von deinem Verstand als das nächst Beste, das er schon kennt, vorgeschlagen.
Nein, dein Blick ist vielleicht auf einen Teil des Schattens gefallen, den die Schnalle aufs Leder darunter wirft oder auf den Lichtsplitter einer Reflexion des Metalls aus dem die Schnalle gemacht ist. Über den Tag, auch wenn du nicht zeichnest, halte immer mal kurz inne und mach dir bewusst, worauf genau im Moment der Strahl deines Blicks tatsächlich getroffen hat.

 

Übung 4
Die eigene Hand wie zum ersten Mal sehen
Schließe deine Hand zu einer Faust, schau darauf und zähle bis drei. Bei drei öffnest du die Faust und dein Blick fällt auf die Handinnenfläche. Wenn du jetzt ganz ehrlich zu dir bist, musst du zugeben, dass dein Blick auf nur eine einzige winzige Stelle gefallen ist und dass du diese Stelle sehr deutlich gesehen hast. Natürlich hast du auch deine gesamte Hand auf einmal gesehen, weil sie sich in ihrer Gesamtheit in deinem Blickfeld befindet. In Wirklichkeit aber hast du nur diese winzige Stelle auf deiner Handinnenfläche ganz genau und deutlich gesehen.
Du musst mit der Erkenntnis, welchen Punkt du deutlich gesehen hast, nicht mehr tun, als dir zu glauben, dass du nicht mehr als diesen gesehen hast. Lass deinen Blick nicht schweifen, um ganz schnell noch etwas Wichtigeres oder Interessanteres zu finden. Auch wenn du glaubst, die Innenfläche deiner Hand naturgemäß sehr gut zu kennen, wirst du jedes Mal, wenn du diesen Vorgang wiederholst, etwas völlig Neues sehen, etwas, was du noch nie zuvor gesehen hast. Und jedes Mal wird es dir völlig unspektakulär vorkommen und du würdest es lieber über-sehen. Bring dir selbst bei, das, was du in diesem Moment siehst, auch in diesem Moment zu akzeptieren.
Gewöhne dich daran, deinem ersten unmittelbaren Seh-Eindruck zu vertrauen und zwar ohne auf deinen Verstand zu hören, der diesen Eindruck sofort als für dich völlig irrelevant abtun will.

Zu Beginn werden dir diese unmittelbaren Seh-Eindrücke als unglaublich unwichtig erscheinen.

DAS soll ich sehen? DAS soll von Bedeutung sein, dieser uninteressante Fleck, diese kaum wahrnehmbare Neigung, diese winzige dunkle Stelle?
Dieses vermeintlich Unwichtige ist jedoch beim Zeichnen das Wichtigste überhaupt, denn es ist dein eigenes, völlig einmaliges Sehen, dem du in diesen blitzartigen Wahrnehmungen begegnest.
Kein Mensch sieht so wie du. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung, seine eigene Wahrheit.
Befreie dich von dem Glauben, dass du zuerst WISSEN musst, was du sehen sollst, um die Zeichnung zu beginnen und du musst auch nicht wissen, wie andere dieses Motiv sehen können. Es zählt nur, was DU siehst.

 

Übe dich darin, deinem Sehen zu vertrauen. Sieh, was du und nur du siehst. Schau hinter die Begriffe und Bezeichnungen, dann können deine Zeichnungen entstehen, die niemand so macht wie du.

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