Warum deine Zeichnungen niemanden etwas angehen

Während ich bei einem Konzert zeichnete, fing eine Frau, die ebenfalls im Publikum saß, meinen Blick auf. Sie sah mich fragend an und machte mit der Hand eine zeichnende Bewegung.
Die Musik war sehr laut. Obwohl wir keine zwei Meter voneinander getrennt saßen, wäre ein Gespräch nicht möglich gewesen. Ich nickte ihr zu, weil ich ihre Gestik so verstand, als habe sie mich gefragt „zeichnest du?“.
Das war ja eigentlich nicht zu übersehen, aber okay, manche Menschen sind auch unter widrigen Umständen kommunikationsfreudig.
Für sie war unser „Gespräch“ damit aber noch nicht beendet. Sie sagte etwas in meine Richtung, was ich nicht verstand. Ich neigte mich zu ihr hinüber und sie rief: „Zeig mal her.“Jetzt noch, während ich das schreibe, fange ich an zu schnauben. Wie bitte? Ich hatte mich wohl verhört? Aber nein, ich hatte schon richtig verstanden. Diese fremde Frau besaß die Dreistigkeit, mich aufzufordern, ihr gerade mal eben meinen Block zur Begutachtung rüber zu reichen. Ich schrie ein entsetztes Nein in ihre Richtung. Ich war kurz davor ihr einen Vogel zu zeigen.An dieser Stelle muss allerdings gesagt sein, dass das Verhalten dieser Frau die absolute Ausnahme ist. Meistens wird mein Zeichnen von den anderen Konzertbesuchern taktvoll übersehen.
Und doch ist die Annahme, einen in der Öffentlichkeit zeichnenden Menschen jederzeit ansprechen zu dürfen, weit verbreitet.
Wäre sie auch so frech gewesen, wenn ich in ein Notizbuch geschrieben hätte?

Zur Begutachtung von Zeichnungen fühlen sich nämlich viele nicht nur berechtigt, sondern auch zuständig.
Einmal trat ein Mann von hinten an mich heran – ich zeichnete gerade irgendwo in der Innenstadt – und schaute mir über die Schulter. „Na, immer schön üben“, bellte er mir ins Ohr.

Leider trifft man immer mal wieder auf Menschen, die sich nicht benehmen können und keine Probleme mit Hemmschwellen jeglicher Art haben. Zeichnern gegenüber jedoch, scheinen für manche diese Schwellen besonders niedrig zu sein.

Erlebnisse wie diese kann man als Anekdoten abtun und früher oder später darüber schmunzeln. Aber leider müssen sich Kunstschaffende oft auch im Familien- und Freundeskreis (ungebetene) Kommentare anhören. Und dabei ist es egal, ob sie positiv oder negativ sind. Es gibt einfach viele Menschen, die es nicht für nötig halten, sich in irgendeinem Bereich der Kunst, Kenntnisse anzueignen, bevor sie sich für befähigt halten, fachlich fundierte Beurteilungen abzugeben.

Kunst zu bewerten ist leicht, denken viele, denn sie haben doch Augen im Kopf.
Ihre flüchtige Art zu sehen, zu kategorisieren und zu beurteilen, reicht ihnen im Leben und warum soll diese Fähigkeit nicht auch für die Kunst völlig ausreichend sein?

„Gefällt mir/gefällt mir nicht“ – damit ist doch fast alles gesagt.
Die üblichen Bewertungsmaßstäbe sind schnell aufgezählt:
Man erkennt, was abgebildet ist („Sieht ja so echt aus, wie auf einem Foto.“), man hat etwas Ähnliches schon mal gesehen („Sieht ja aus wie von Picasso und den mag ich auch nicht.“) oder es wird „darauf“ oder „darin“ nichts erkannt. („Wenn ich nichts erkenne, werden das andere ja wohl auch nicht können.“)

Sehr beliebt sind auch Aussagen wie, „das könnte ich auch“ oder „das kann ja mein Dreijähriger besser.“
Am besten, man lässt sich mit Menschen, die auf diese Weise ihren engen Horizont und ihre Ignoranz zur Schau stellen, auf keine Diskussionen ein.
Sie wollen Kunst verstehen, wie Sonderangebote im Supermarkt-Prospekt. Da ist eine Abbildung einer Zitrone, darunter steht das Wort „Zitrone“ und die Ziffern daneben bedeuten, wie viel eine Zitrone kostet.
Zu versuchen, ihnen zu erklären, dass Kunst nicht verstanden werden kann wie ein Bilderrätsel, sondern Menschen auf einer Ebene berührt, die man mit Worten kaum fassen kann, ist vergebliche Liebesmüh.

Wir dürfen unsere Arbeiten nicht jedem einfach so, und schon gar nicht auf Zuruf, herzeigen. Dabei geht es nicht darum, uns vor inkompetenter oder unsachlicher Kritik zu schützen, sondern  darum, dass sie niemanden etwas angehen. Basta.

Die eigenen Zeichnungen sind private Auf-Zeichnungen.
Selbstverständlich können wir sie zeigen, selbstverständlich können wir sie veröffentlichen.
Auch so manches, was in ein zunächst privates Notizbuch geschrieben wurde, endet in einem gedruckten Buch, das von anderen Menschen gelesen werden soll.
Allerdings, bevor wir mit unseren Arbeiten an die Öffentlichkeit gehen oder sie auch nur einer einzigen Person zeigen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, WARUM wir es tun bzw. warum wir es nicht tun sollten.

Gerade weil Hinz und Kunz so freigiebig mit ihrer Art der Kunstkritik sind, und dabei noch davon ausgehen, dem Künstler einen wertvollen Dienst zu erweisen, dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen zu glauben, wir haben es nötig, uns von ihnen unsere Kunst billigen zu lassen.

Das Zeigen und Veröffentlichen unserer Kunst darf nie mit der Bitte, um eine Bewertung belastet sein.

Das heißt nicht, dass es uns völlig egal ist, was andere sagen und es heißt nicht, dass wir Kritik nicht mehr fürchten, aber wir müssen uns sicher sein, auch wenn sie kommt, wird sie es nicht schaffen, uns davon abzuhalten, weiterzumachen. Wir müssen uns sicher sein, einen Weg finden zu können, damit umzugehen.
Das ist so einfach wie schwierig.

Positive Resonanz ist natürlich immer willkommen, und wenn sie uns dazu inspiriert, auf unserem Weg weiterzugehen, um so besser.
Aber auch von Anerkennung darf man sich nicht verleiten lassen, den Ansprüchen anderer entsprechen zu wollen.
Wenn sie sagen, du malst so wundervolle rosa Bilder, du solltest nur noch rosa Bilder malen, dann sagst du „Danke, sehr nett, aber bezahlt ihr für Rosa?“
Wenn sie das tun, dann malst du ihnen noch schnell was Rosafarbenes und machst danach weiter mit Lila und Orange, wie geplant.

Wenn wir ausstellen, ist das keine Aufforderung an die Öffentlichkeit, uns den Wert der eigenen Kunst zu bestätigen. Auch wenn die Öffentlichkeit oft genug genau darin ihre Aufgabe zu sehen scheint.
Wir fragen niemanden um Erlaubnis, unsere Kunst selbst anerkennen zu dürfen.
Wir zeigen unsere Kunst, sei es einer einzelnen Person oder in einer Ausstellungshalle, erst dann – und nur dann – wenn wir davon überzeugt sind, der Welt etwas zu geben, ihr etwas hinzuzufügen, sie zu bereichern, und nicht, um es jemandem Recht zu machen, um Bestätigung oder Erlaubnis zu bitten oder irgendjemandem etwas zu beweisen.

 

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2 Gedanken zu „Warum deine Zeichnungen niemanden etwas angehen

  1. Du hast so recht, Martina! Besonders „liebe“ ich Kommentare wie, „oh, das sollte aber weiter links sein“ oder, „das da sieht komisch aus“. Kommt besonders gern von Leuten, die selbst nicht zeichnen. Interessanterweise auch am ehesten von nicht zeichnenden Bekannten oder Freunden. Seitdem bin ich da viel zurückhaltender geworden. Wahrscheinlich wollen viele Leute insgeheim zeichnen und kompensieren so ihre eigenen Hemmungen, was traurig ist. Um so wichtiger ist Deine Arbeit auf diesem Blog 🙂

    • Genau das ist auch meine Theorie zu diesem Thema. Viele zeichnen nicht, weil sie sich nämlich genau vor dieser Art von Kritik fürchten, die sie selbst so großzügig verteilen.

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