Wie ich zeichne

Morgens gehe ich immer in den Wald.

Wald kann man das eigentlich nicht nennen, es ist ein Wäldchen. Man durchquert ihn in wenigen Minuten, um von einem Stadtteil zum nächsten zu gelangen.

Wenn ich den Wald betrete, sage ich leise, hallo Wald, ich bin es wieder, ich bin wieder da.

Dann atme ich einige Male tief, schiebe meine Gedanken bewusst zur Seite und konzentriere mich ganz auf das, was ich sehe und höre.

Verrottetes Laub bedeckt den Waldboden, Sonnenlicht funkelt zwischen den Bäumen hindurch.

Ich sehe die dicken und die dünnen Stämme. An manchen kriecht Efeu empor.

Ich hebe den Kopf und sehe das Geäst, wie es sich dunkel gegen den hellen Himmel abhebt.

Ich sehe und höre die Meisen. Ein Specht trommelt. Ein Eichhörnchen springt von einem Baum herab und klettert auf den nächsten wieder hinauf.

Wenn dann meine Sinne geschärft sind, sehe ich noch mehr.

Ich sehe die trockenen eingerollten Blätter, die noch vom letzten Jahr an den Ästen hängen.

An den Sträuchern sehe ich winzige Blattspitzen, die gerade eben aus den Zweigen hervorbrechen.

Ich erinnere mich daran, wieder auf meinen Atem zu achten.

Im nächsten Moment fällt mir ein, dass ich jetzt umkehren muss und, als hätte ich gerade eben nichts Besonderes erlebt, rennen mir meine Gedanken voraus in den Tag und ich hinterher.

Es hat sich nichts verändert. Oder doch?

Ich verbringe den Tag, wie ich glaube, es zu müssen, erledige meine Aufgaben.

Wenn ich mich nachmittags an den Tisch setze, um eine Vase mit Tulpen zu zeichnen, konzentriere ich mich wieder auf meinen Atem.

Sofort sehe ich klarer, mein Blick schärft sich.

Die Spülmaschine rumpelt in der Küche und durch das geschlossene Fenster dringen Kinderstimmen von der Straße.

Ich streiche ich über das Papier, spüre dessen Rauheit, setze den Stift auf und beginne eine Linie zu ziehen.

Ohne meinen Blick von der Tulpe zu wenden, zeichne ich weiter. Ich zeichne, was ich sehe, ohne aufs Papier zu sehen und ohne zu sehen, was ich zeichne.

Der Stift rauscht übers Papier.

Ich werfe einen kurzen Blick zurück aufs Papier, um mich zu orientieren, setze den Stift neu auf, betrachte wieder die Tulpen und ziehe weitere Linien.

So wie ich nicht übe, in den Wald zu gehen und die Vögel zu hören und die Natur zu erleben, um eines Tages besser in den Wald gehen zu können und die Natur erleben zu können, als ich jetzt in der Lage bin, es zu tun, so übe ich nicht das Zeichnen.

Ich übe nicht das Zeichnen, um es eines Tages besser zu können, als ich es jetzt kann.

Ich gehe in den Wald und erlebe den Wald mit allem, was mir dort begegnet und ich zeichne und erlebe das Zeichnen mit allem, was mir während des Zeichnens begegnet.

Wenn ich vom Wald zurückkomme, habe ich den Wald in mir, auch wenn ich später nicht mehr daran denke, dass ich im Wald war.

Wenn ich vom Zeichnen zurückkomme, habe ich das Zeichnen in mir und – das ist der Unterschied – eine Zeichnung außerhalb von mir.

Was mache ich nun mit dieser Zeichnung?

Oder anders: was mache ich nicht mit dieser Zeichnung?

Ich nehme diese Zeichnung nicht zum Anlass, mein Erlebnis nachträglich schlecht zu machen.

Genauso wenig, wie ich nie sagen würde, war das heute blöd im Wald, es ist nichts dabei herausgekommen, es hat mir nichts gebracht, sage ich auch nie über mein Zeichnen etwas Schlechtes.

Meine Zeichnungen entstehen auf natürliche Weise.

Sie sind da. Sie sind da wie der Wald, die Vögel und alles, was ich gerade sehe.

Morgen werde ich wieder in den Wald gehen und die Vögel beobachten.

Morgen werde ich wieder zeichnen und Zeichnungen entstehen lassen.

2 Gedanken zu „Wie ich zeichne

  1. Beim Wandern oder Spazieren-Gehen spüre ich öfter den Impuls, ein Motiv zu skizzieren, weil es mir gefällt. Oft kann ich dem aber aus verschiedensten Gründen nicht nachkommen. Dann fühle ich mich in dem Modus des entspannt Betrachtens gestört, weil ich automatisch in Gedanken das Motiv in eine Skizze umsetze. Zeichnen kann süchtig machen!

    • Verstehe ich dich richtig, Hans? Der Wunsch zu zeichnen stört dein entspanntes Betrachten? Falls ich dich richtig verstehe, würde das bedeuten, wenn du zeichnest, betrachtest du gar nicht entspannt? Magst du nicht vielleicht das entspannte Betrachten des Wanderns auch beim Zeichnen anwenden? (Oder ich habe dich missverstanden.) Herzliche Grüße!

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