Dieser Moment

Karl Bohrmann: „Ich habe die Vorstellung, dass in jenem Moment, den es zu erwischen gilt, die Zeichnung sich selber zeichnet. Dass in dieser Temperatur das Wissen und Wollen, alle zeitlichen Zwänge sich auflösen, oder wie man das sonst noch zu umschreiben sucht, dass es das Simpelste von der Welt wird.

Du weißt, wie sehr die Kunst Geschenk ist, dass sie einem zufällt, wenn der Blick offen ist, dass nichts dazwischen treten darf, dass es um den Anfang geht, das plötzliche Dasein, um Gegenwärtigkeit, Gewahrsein.

Das kann man zwar wünschen, aber nicht wollen. Das geschieht.“

Karl Bohrmann, 100 Aktzeichnungen mit rotem Mantel, 1996, S. 134

Was soll ich bloß zeichnen?

Wer sich dabei ertappt, diese Frage zu stellen: ganz schnell den Rückwärtsgang einlegen.

Eine gute Methode, um das Zeichnen noch ein bisschen vor sich herzuschieben, ist, sich zuerst mit der Frage zu beschäftigen, WAS man eigentlich zeichnen will.

Diese Frage ist eine von diesen kleinen Tricks, um Zeit zu gewinnen.

Wer glaubt, zuerst ein Motiv suchen zu müssen, ist auf dem besten Weg, sich von dem Entschluss, mit dem Zeichnen zu beginnen, wieder wegzubewegen.
Vor lauter Suchen kann man nämlich das Finden leicht vergessen.

Wenn du dein nächstes Motiv finden willst, musst du nicht suchen oder wählen, du musst dich nur ENTSCHEIDEN.

Du musst dich für das JETZT und für DIESEN MOMENT entscheiden und dein Motiv oder deine Idee präsentiert sich dir von selbst.

Es ist immer etwas DA. Immer. Schau dich um und entscheide dich für das, was dir nahe ist, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne.
Ob es der Blick aus dem Fenster ist, die Katze auf dem Sofa oder ein lieber Mensch, der neben einem schläft, alles ist gleich gut.

Ideen hat man viele, nur werden auch viel zu viele gleich wieder verworfen. Zu blöd, zu albern, zu sonst was. Die meisten Ideen werden abgeschossen, sobald sie am Horizont auftauchen. Oft erscheinen einem die eigenen Ideen so nahe und so „naheliegend“, dass man sie sofort als „nichts Besonderes“ und uninteressant verwirft.
Aber das beste Motiv oder die beste Idee sind tatsächlich immer das nächstbeste, naheliegende.
Das „nächstbeste“ bringt dich in Bewegung, bringt dich ins Zeichnen. Von da an geht es zur nächsten Idee, zum nächsten Motiv, zur nächsten Zeichnung.

Suche nicht, FINDE!

Was?

Das!

Das Eigene wird oft mit Nicht-Gelingen verwechselt

Weil man ständig mit sich selbst lebt, sich selbst am besten kennt, kann es leicht passieren, dass der eigenen Arbeit, der eigenen Ausdrucksweise nicht viel Wert beigemessen wird. („Das ist doch nichts Besonderes.“)

Das Eigene wird oft mit Nicht-Gelingen verwechselt und unter dem selbstkritischen Blick findet nur das Andersartige Anerkennung.
Diese Zeichnung habe ich vor ungefähr 10 Jahren gemacht. Ich erinnere mich, wie enttäuscht ich damals von ihr war.
Es war Zufall, dass ich sie nicht weggeworfen habe.
Inzwischen betrachte ich diese Zeichnung mit anderen Augen. Ich bin froh, dass sie nicht in der Tonne gelandet ist

Fragen an den Spiegel

Warum wollen wir nicht so alt aussehen, wie wir sind?

Warum ist es ein Kompliment, wenn jemand zu dir sagt, du siehst jünger aus als du bist?

Weil alt werden mit krank werden verwechselt wird?

Man sagt, Hunde verbergen ihre Verletzungen, weil sie fürchten als Schwächlinge vom Rudel ausgeschlossen und zurückgelassen zu werden.

Ist das Kompliment zum jüngeren Aussehen ein Lob, wie gut deine Schwäche nicht zu sehen ist?

Liebe alle deine Zeichnungen

Zeichnen ist nichts, wofür du eine sofortige Belohnung bekommst.

Erst wenn du dich ans Zeichnen gewöhnst und du gewohnheitsmäßig Zeichnungen entstehen lässt, wird sich eine Zufriedenheit mit deinen Zeichnungen und deinem Zeichnen einstellen.

Stell dir eine Blumenwiese vor, die gewachsen ist, weil du ein paar Wochen zuvor eine handvoll Samen ausgestreut hast.

Nicht alle Blumen sind gleich stark. Manche Blumen sind mickrig und wachsen nicht gut, während andere Blumen gut gedeihen.

Du bemerkst das und trotzdem liebst du diese Blumenwiese in ihrer Gesamtheit.

Du wählst nicht fünf Lieblingsblumen aus und alle anderen sind dir egal.

Genauso musst du dein Zeichnen und alle deine Zeichnungen in ihrer Gesamtheit lieben.

Oh, look!

Betty Edwards erzählt in ihrem Buch „Drawing on the dominant Eye“, sie sei zum Zeichnen gekommen, weil ihre Mutter sie als Kind immer wieder auf Seh- und Wahrnehmungsmomente hingewiesen hat.

Sie sagte nicht einfach nur „Schau mal wie schön“, sondern sie machte konkrete Aussagen, wie zum Beispiel „Oh schau hier, wie sich die Gänseblümchen im Grass angeordnet haben“ oder „Oh schau hier, wie dieser Schatten die Farbe des Hauses verändert.“ Dies habe ihr Interesse am Sehen geweckt und ihre Wahrnehmung geschult.

(nach: Betty Edwards, Drawing On The Dominant Eye, Decoding the way we perceive, create and learn, 2022)

Erlaubnis

„Vor fünf aufgestanden – um acht scheint es mir, dass ich schon einen ganzen Tag geistig gelebt habe, somit das Recht erworben habe, bis zum Abend dumm zu sein.“

Paul Valery, Cahiers/Hefte, Die vollständige Pléiade-Edition, 2016, 1935 ohne Titel, XVII, 794

Wie ich zeichne

Morgens gehe ich immer in den Wald.

Wald kann man das eigentlich nicht nennen, es ist ein Wäldchen. Man durchquert ihn in wenigen Minuten, um von einem Stadtteil zum nächsten zu gelangen.

Wenn ich den Wald betrete, sage ich leise, hallo Wald, ich bin es wieder, ich bin wieder da.

Dann atme ich einige Male tief, schiebe meine Gedanken bewusst zur Seite und konzentriere mich ganz auf das, was ich sehe und höre.

Verrottetes Laub bedeckt den Waldboden, Sonnenlicht funkelt zwischen den Bäumen hindurch.

Ich sehe die dicken und die dünnen Stämme. An manchen kriecht Efeu empor.

Ich hebe den Kopf und sehe das Geäst, wie es sich dunkel gegen den hellen Himmel abhebt.

Ich sehe und höre die Meisen. Ein Specht trommelt. Ein Eichhörnchen springt von einem Baum herab und klettert auf den nächsten wieder hinauf.

Wenn dann meine Sinne geschärft sind, sehe ich noch mehr.

Ich sehe die trockenen eingerollten Blätter, die noch vom letzten Jahr an den Ästen hängen.

An den Sträuchern sehe ich winzige Blattspitzen, die gerade eben aus den Zweigen hervorbrechen.

Ich erinnere mich daran, wieder auf meinen Atem zu achten.

Im nächsten Moment fällt mir ein, dass ich jetzt umkehren muss und, als hätte ich gerade eben nichts Besonderes erlebt, rennen mir meine Gedanken voraus in den Tag und ich hinterher.

Es hat sich nichts verändert. Oder doch?

Ich verbringe den Tag, wie ich glaube, es zu müssen, erledige meine Aufgaben.

Wenn ich mich nachmittags an den Tisch setze, um eine Vase mit Tulpen zu zeichnen, konzentriere ich mich wieder auf meinen Atem.

Sofort sehe ich klarer, mein Blick schärft sich.

Die Spülmaschine rumpelt in der Küche und durch das geschlossene Fenster dringen Kinderstimmen von der Straße.

Ich streiche ich über das Papier, spüre dessen Rauheit, setze den Stift auf und beginne eine Linie zu ziehen.

Ohne meinen Blick von der Tulpe zu wenden, zeichne ich weiter. Ich zeichne, was ich sehe, ohne aufs Papier zu sehen und ohne zu sehen, was ich zeichne.

Der Stift rauscht übers Papier.

Ich werfe einen kurzen Blick zurück aufs Papier, um mich zu orientieren, setze den Stift neu auf, betrachte wieder die Tulpen und ziehe weitere Linien.

So wie ich nicht übe, in den Wald zu gehen und die Vögel zu hören und die Natur zu erleben, um eines Tages besser in den Wald gehen zu können und die Natur erleben zu können, als ich jetzt in der Lage bin, es zu tun, so übe ich nicht das Zeichnen.

Ich übe nicht das Zeichnen, um es eines Tages besser zu können, als ich es jetzt kann.

Ich gehe in den Wald und erlebe den Wald mit allem, was mir dort begegnet und ich zeichne und erlebe das Zeichnen mit allem, was mir während des Zeichnens begegnet.

Wenn ich vom Wald zurückkomme, habe ich den Wald in mir, auch wenn ich später nicht mehr daran denke, dass ich im Wald war.

Wenn ich vom Zeichnen zurückkomme, habe ich das Zeichnen in mir und – das ist der Unterschied – eine Zeichnung außerhalb von mir.

Was mache ich nun mit dieser Zeichnung?

Oder anders: was mache ich nicht mit dieser Zeichnung?

Ich nehme diese Zeichnung nicht zum Anlass, mein Erlebnis nachträglich schlecht zu machen.

Genauso wenig, wie ich nie sagen würde, war das heute blöd im Wald, es ist nichts dabei herausgekommen, es hat mir nichts gebracht, sage ich auch nie über mein Zeichnen etwas Schlechtes.

Meine Zeichnungen entstehen auf natürliche Weise.

Sie sind da. Sie sind da wie der Wald, die Vögel und alles, was ich gerade sehe.

Morgen werde ich wieder in den Wald gehen und die Vögel beobachten.

Morgen werde ich wieder zeichnen und Zeichnungen entstehen lassen.

Linien ziehen – ein mysteriöses Phänomen

Geta Brătescu:

„Das Zeichnen verdankt viel der Energie, mit der die Hand Linien zieht, und der Charakter dieser Energie wird durch den Charakter, die Stimmung, die Kultur, die Vision des Künstlers bestimmt.

Tatsächlich handelt es sich um ein mysteriöses Phänomen.

Eine Linie ziehen, eine einfache Linie, mit dem Gefühl und Bewusstsein, dass du Ausdruck erzeugst;

diese Linie ist für dich über die Vernunft hinaus notwendig.“

Geta Brătescu, Tagebuchauszug, 2008, Quelle: Webseite Hauser & Wirth

Selbstvergessenes Zeichnen

Das zeichnende Sehen ist ein Hinschauen, das sich nichts einprägen will, das sich an nichts erinnern will, ein Hinschauen, dem nur das JETZT gesehene, das jetzige Sehen etwas gilt.

Man mag sich dann sehr genau an das Sehen selbst erinnern, man erinnert sich an das Gesehen haben, aber als eine Erinnerung, die nicht zurück in die Vergangenheit führt, sondern als eine Erinnerung an, im Sinne von Mahnung an, jetzt wieder hinzuschauen, um sich dann wieder an das Gesehene selbst, sich nicht zu erinnern.

Wenn man sich an etwas Gesehenes erinnert, erinnert man sich doch nur an sich selbst plus an das Gesehene und nicht an das Gesehene ohne sich selbst, was ein völlig anderes ist.

In der Erinnerung steht man immer selbst mit im Bild und sich im Weg, also vor den Augen.

Sich ohne einen Gedanken, also sich ohne sich selbst zu erinnern, ist kaum möglich.

Deshalb erinnert man sich ja überhaupt, weil man sich etwas dabei gedacht hat und das Selbst ist in den Gedanken immer dabei.

Gedankenloses Sehen gelingt nur für einen Moment und dann wieder für einen Moment.

Wenn man nicht denkt, ist man für sich selbst verschwunden.

Wahrscheinlich ist es deshalb so leicht, sich vor dem gedankenlosen und wortlosem Sehen zu fürchten und ihm nicht zu vertrauen.

Aber erst, wenn man für sich selbst verschwindet, ist auch niemand mehr da, der einem vor den Augen steht. Dann ist der Blick frei, ist also unverstellt.

Dann wird das Hinschauen zu einem erwartungslosen und wunschlosem Sehen. Im JETZT.

Im JETZT entstehen vom Sehen inspirierte Zeichnungen, Zeichnungen, an deren Entstehung man sich womöglich nicht erinnert.