Das Papier gehört immer zur Zeichnung

„The essence of drawing is the line exploring space.“

Andy Goldsworthy

Soeben bin ich über dieses Zitat gestolpert und habe spontan mit einem lauten Ausruf „genau, das ist es, ganz genau!“ darauf reagiert.

Das Zitat von Goldsworthy bedeutet ins Deutsche übertragen:

„Die Linie entdeckt den Raum. Das ist das Wesen von Zeichnung“.

Das Verb „entdecken“ ist hier im Sinne von auffinden und erforschen zu verstehen. Die Linie läßt den Raum entstehen und macht ihn sichtbar.

Genau das ist das Besondere, geradezu magische am Zeichnen:

Wir ziehen Linien zwar auf einem zweidimensionalen Papier, allerdings entsteht im selben Moment ein „Raum“, also etwas (gefühltes) dreidimensionales. Sobald wir auf irgendeine Stelle des Papiers eine Zeichnung setzen, und es ist völlig egal, ob diese Zeichnung aus zwei Strichen besteht oder aus zweitausend, verwandelt sich das Blatt Papier und öffnet sich zu einem Raum. Dieser Raum steht in unmittelbarer Beziehung zu diesen Linien und sie gehören von nun an untrennbar zusammen. Eine Zeichnung selbst besteht nie nur aus diesen gezeichneten Linien, eine Zeichnung besteht aus diesen Linien plus Raum, der gerade eben noch „nur“ Papier war.

Man kann die Linien einer Zeichnung nicht einfach vom Papier lösen, wie ein Abziehbild, und sie auf einen anderen Untergrund kleben, und glauben, die Zeichnung sei intakt geblieben und noch die selbe. Das Papier bzw. der Raum gehört immer zur Zeichnung.

Zeichner müssen sich immer bewußt sein, dass sie mit der Linie mehr sichtbar werden lassen, als nur eben diese Linie. Und genau das ist das Wunderbare beim Zeichnen.