Linien-Meditation

An manchen Tagen, wenn ich mich hinsetze, um zu meditieren, bekomme ich einfach keine Ruhe in meinen Kopf. Aber ich habe bemerkt, dass Linien ziehen, ganz langsam den Stift übers Papier gleiten lassen, ebenfalls eine gute Meditation sein kann. Man kann außer sitzen und atmen, jede andere Tätigkeit zur Meditation werden lassen, z. B. gehen oder Kartoffel schälen, also warum nicht meditierend Linien ziehen? Es funktioniert. Nach einer Weile wird durch die Konzentration auf die Linie das Denken abgestellt. Ich bin froh, dass ich eine Alternative zur üblichen Meditationspraxis gefunden habe, die meinem Wesen entspricht.

 

fließende linien

Nachdem ich sie um den ihrigen so sehr beneidet habe, hat mir eine Freundin den gleichen Tintenstift geschenkt, den sie selbst benutzt. Und die Idee damit auf Foto-Druckpapier zu zeichnen hat sie mir gleich dazu geschenkt. (Manchmal bin ich habgierig.)Die Tinte wird von diesem Papier nicht aufgesaugt, sondern bleibt darauf liegen wie ein feuchter Faden, der sich aus der Spitze des Stiftes herauswindet. Auf der glatten Oberfläche des Papiers  trocknet er dann zu einer glänzenden Linie.

Ich habe eine Linie nach der anderen gezogen, ganz langsam, und einfach nur der Tinte beim Fließen zugeschaut.

Eine gerade Linie kann ganz krumm sein und eine krumme Linie sehr gerade.

Die Malerin Elisabeth Marx (Beispiele ihrer Arbeit sind hier und hier zu sehen) hat in einem Kommentar hier auf diesem Blog den japanischen „Zen-Maler“ (Bezeichnung von mir) Kazuaki Tanahashi zitiert:

„Someone´s straight line can be very crooked. Another person´s line may not look straight, but it is very straight inside.“

(so viel zu dem oft gehörten Spruch: Ich kann nicht zeichnen. Ich kann noch nicht mal eine gerade Linie ziehen. 🙂 Aber das ist wieder eine andere Baustelle.)

Natürlich bin ich gleich zu Mr. Tanahashi´s Website gerannt. Er zeigt dort u.a. „One-Stroke Paintings“. Mit einer einzigen Geste komponiert er vielschichtige Gemälde voller Tiefe und Ausdruckskraft.

Die Qualität seiner Arbeit wird auf der Website so beschrieben:

“It is impressive, the torque of meaning and depth pressed into each ordinary moment of time, released quite simply by brush and body and ink.” –Norman Fischer, Current

Solche Arbeiten, wie die von Kazuaki Tanahashi zu sehen, machen mich immer ganz froh. Ich strebe es an, mich beim Zeichnen vom Nur-Abbildhaften zu lösen und ich meine damit nicht, dass ich die Abstraktion suche.

Ich versuche die Qualität eines Moments bzw. der Momente, in denen ich das Abzubildende zeichne, zum Ausdruck zu bringen.

Auf dem Weg dahin mache ich ein Abbild nach dem anderen, eine Zeichnung nach der anderen und ich kenne auch keinen anderen Weg zu meinem Ziel als eben diesen. Und während ich auf diesem Weg bin und ich abbilde was ich sehe,  hoffe ich, über das Abbild hinaus, die Fülle eines lebendigen Momentes festhalten zu können.

Die Wahrscheinlichkeit, dass mir das gelingt, ist nicht sehr groß. Aber meine Aufgabe als Zeichnerin ist es“da“ zu sein, im Moment zu sein, im Moment aufmerksam zu sein und alle meine Zeichnungen zu respektieren und willkommen zu heißen, allein schon für ihr Potential mehr zu sein, als die reine Abbildung.

Arbeiten zu sehen, wie die von Kazuaki Tanahashi machen mir Mut (oh ja, zum Zeichnen und für jegliche künstlerische Ausdrucksform braucht es Mut), mein Streben fortzusetzen und weiterzugehen.

Sie zeigen mir, es ist möglich, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

Ich muss „nur“ weiter machen. Weiter machen im einfachsten Sinne. Sehen, zeichnen, sehen, zeichnen. Nur dadurch gebe ich dem Unsichtbaren „Geraden“, dem Wesentlichen, die Chance, in der krummen Linie sichtbar zu werden.