verwelkte Rose – Thema verfehlt?

In irgendeinem Forum wurde vor einiger Zeit mein Rosenblog (999 Rosenzeichnungen) verlinkt. Eine Frau, Mitglied dieses Forums, meldete sich zu Wort und gab mir mal so richtig Bescheid. Ich hätte ja wohl nicht verstanden, worum es bei Rosen ginge. Rosen seien bunt und lebensfroh (nicht wörtlich zitiert, sie schrieb etwas in diese Richtung) usw. Ich hatte, ihrer Meinung nach, schlicht und einfach das Thema verfehlt.

Tja, was hätte ich ihr antworten sollen? Meine Rosenzeichnungen sind eben meine Rosenzeichnungen, entschuldigen Sie bitte, dass sie nicht Ihren Vorstellungen von Rosendarstellungen entsprechen?

Ich hatte mich damals sehr darüber geärgert. Weniger darüber, dass die Dame nicht mochte, was ich zeichnete, sondern über die Vermessenheit, von einem Künstler zu fordern, dessen Kunst müsse ins eigene Weltbild passen, andernfalls könne man diese Kunst nicht gelten lassen.

Oh mein Gott!

Ich bin drüber weg, aber inzwischen frage ich mich, ob ich nicht genau das auch immer wieder mache: erwarten, dass Künstler gefälligst Kunst machen sollen, mit der ICH etwas anfangen kann. Kunst soll mir entsprechen, damit ich mir nicht die Mühe machen muss, der Kunst zu entsprechen und ihren Forderungen und Herausforderungen, die sie an mich stellt mit offenem Blick und Geist zu begegnen. Wie oft schüttle ich Kunst einfach ab mit „mag ich nicht, gefällt mir nicht, versteh´ ich nicht.“ Was ist mir durch diese arrogante Haltung wohl schon alles entgangen, weil ich zu feige oder zu faul war, mich auf eine andere „Ansicht“ einzulassen?

Kunst ist immer Kunst des anderen Blicks, und nicht das, was ich durch meinem Blick darauf, dazu erkläre.

Mit meiner „Verwelkten Rose“ habe ich für manche sicher das „Thema verfehlt“, aber diese Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Rose281

 

 

 

 

„Ich bin grundsätzlich mutig.“

(aus meinem Blog-Archiv im Februar 2012 – und diese Aussage ist mir auch heute noch ein Vorbild.)

Dieser Satz ist von Margarethe von Trotta, der Filmemacherin. In einem Radio-Interview im Hessischen Rundfunk wurde sie zu einem bestimmten Film gefragt, ob es mutig gewesen sei, diesen Stoff zu bearbeiten. Und sie antwortete:

„Ach wissen sie, das ist so eine Frage. Ich bin grundsätzlich mutig.“

Das musste ich mir sofort notieren – auf einem Stück einer zerschnipselten Zeichnung.

„Ich bin grundsätzlich mutig.“

Dieser Satz ist von Margarethe von Trotta, der Filmemacherin. In einem Radio-Interview im Hessischen Rundfunk wurde sie zu einem bestimmten Film gefragt, ob es mutig gewesen sei, diesen Stoff zu bearbeiten. Und sie antwortete:

„Ach wissen sie, das ist so eine Frage. Ich bin grundsätzlich mutig.“

Das musste ich mir sofort notieren – auf einem Stück einer zerschnipselten Zeichnung.

Das Papier gehört immer zur Zeichnung

„The essence of drawing is the line exploring space.“

Andy Goldsworthy

Soeben bin ich über dieses Zitat gestolpert und habe spontan mit einem lauten Ausruf „genau, das ist es, ganz genau!“ darauf reagiert.

Das Zitat von Goldsworthy bedeutet ins Deutsche übertragen:

„Die Linie entdeckt den Raum. Das ist das Wesen von Zeichnung“.

Das Verb „entdecken“ ist hier im Sinne von auffinden und erforschen zu verstehen. Die Linie läßt den Raum entstehen und macht ihn sichtbar.

Genau das ist das Besondere, geradezu magische am Zeichnen:

Wir ziehen Linien zwar auf einem zweidimensionalen Papier, allerdings entsteht im selben Moment ein „Raum“, also etwas (gefühltes) dreidimensionales. Sobald wir auf irgendeine Stelle des Papiers eine Zeichnung setzen, und es ist völlig egal, ob diese Zeichnung aus zwei Strichen besteht oder aus zweitausend, verwandelt sich das Blatt Papier und öffnet sich zu einem Raum. Dieser Raum steht in unmittelbarer Beziehung zu diesen Linien und sie gehören von nun an untrennbar zusammen. Eine Zeichnung selbst besteht nie nur aus diesen gezeichneten Linien, eine Zeichnung besteht aus diesen Linien plus Raum, der gerade eben noch „nur“ Papier war.

Man kann die Linien einer Zeichnung nicht einfach vom Papier lösen, wie ein Abziehbild, und sie auf einen anderen Untergrund kleben, und glauben, die Zeichnung sei intakt geblieben und noch die selbe. Das Papier bzw. der Raum gehört immer zur Zeichnung.

Zeichner müssen sich immer bewußt sein, dass sie mit der Linie mehr sichtbar werden lassen, als nur eben diese Linie. Und genau das ist das Wunderbare beim Zeichnen.

Ein Zitat aus einem Aufsatz von Henri Matisse

Ich habe einen Aufsatz von Matisse entdeckt aus dem Jahre 1953.

Er gefällt mir so gut, dass ich hier ein sehr langes Zitat daraus veröffentlichen möchte. Aber liebsten würde ich hinter jedem Satz mehrere Ausrufezeichen setzen und alle Zeilen dick unterstreichen.

Der Titel des Aufsatzes lautet “ Das Leben mit den Augen eines Kindes betrachtet“. Die genauen Quellenangaben sind am Ende des Zitates zu finden.

„Schöpfung, das ist die eigentliche Aufgabe des Künstlers – wo keine Schöpfung stattfindet, da gibt es keine Kunst. Aber man würde sich täuschen, wenn man diese schöpferische Kraft einer angeborenen Begabung zuschreiben würde. In Dingen der Kunst ist der echte Schöpfer nicht nur ein begabter Mensch, sondern einer, der es verstanden hat, ein ganzes Bündel von Aktivitäten zu ordnen im Hinblick auf ein Ziel, dessen Resultat ein Kunstwerk ist.

So beginnt für den Künstler die Schöpfung mit dem Sehen. Sehen ist schon ein schöpferischer Akt, der eine Anstrengung erfordert. Alles was wir im täglichen Leben sehen, wird mehr oder weniger entstellt durch erworbene Gewohnheiten. Dieser Sachverhalt ist vielleicht besonders spürbar in einer Zeit wie der unsrigen, wo Kino, Reklame und Zeitschriften uns täglich eine Flut von fertigen Bildern aufdrängen. Diese Konfektionsbilder sind für das Auge das, was das Vorurteil für den Geist ist.

Die Anstrengung, die nötig ist, um sich von dieser Entstellung zu befreien, erfordert so etwas wie Mut; und für den Künstler, der alles so anschauen muß, als sähe er es zum ersten Mal, ist dieser Mut etwas Wesentliches: er muss das Leben so anschauen, wie er es als Kind getan hat, und wenn er diese Fähigkeit verliert, kann er sich nicht mehr auf originelle, das heißt persönliche Weise ausdrücken.

Zum Beispiel glaube ich, dass es für einen Maler nichts Schwierigeres gibt, als eine Rose zu malen, denn dazu muss er zuerst alle Rosen vergessen, die je gemalt worden sind. Ich habe die Besucher, die zu mir nach Vence kommen, oft gefragt, ob sie den Akanthus an der Straßenböschung gesehen hätten. Niemand hatte ihn gesehen; alle hätten das Akanthusblatt an einem korinthischen Kapitell bemerkt, aber in der Natur hinderte sie die Erinnerung an das Kapitell, den Akanthus zu sehen. Man tut einen ersten Schritt auf das Schöpferische zu, wenn man alles sieht, wie es wirklich ist, und dazu ist eine ständige Anstrengung nötig.“

Aus: Matisse, Über Kunst, Diogenes Verlag 1982, S. 261 ff. „Das Leben mit den Augen eines Kindes betrachtet“, Henri Matisse: „Looking at Life with the Eyes of a Child“, Art News and Review, London, 6. Februar 1954, S. 3

Zitat von Giacometti

„Je mehr ich arbeite, desto mehr lerne ich, die Dinge anders zu sehen, das heißt alles gewinnt mit jedem Tag an Grandeur, wird immer unbekannter, immer schöner. Je näher ich komme, desto großartiger wird es, desto ferner wird es.“

Giacometti zugeschrieben, zitiert in: Annie Dillard, Außer der Zeit

Zitat von John Berger zum Thema „zeichnen“

„Zeichnen bedeutet nicht nur, Maß zu nehmen und festzuhalten, sondern auch zu empfangen.
Wenn die Intensität des Hinsehens einen gewissen Grad erreicht, dann wird man gewahr, dass einem eine ebenso intensive Energie entgegen strahlt, durch die äußere Erscheinung, dessen hindurch, was man so eifrig betrachtet…..
Manchmal, wenn der Dialog rasch abläuft, nahezu augenblicksartig, dann ist es, als würde etwas geworfen und aufgefangen.
Ich habe keine Erklärung für diese Erfahrung anzubieten. ich glaube einfach, dass nur wenige Künstler sie leugnen würden. Es ist ein Berufsgeheimnis.“

aus: John Berger, Begegnungen und Abschiede

Zitat zum Thema „zeichnen“

“Wenn ich etwas sehe, dann reicht es mir nicht, es nur anzusehen, ich muss es unbedingt festhalten.

Letztes Jahr auf einem Bauernhof zeichnete ich etwas, das in der Sonne sehr hübsch anzusehen war, doch plötzlich realisierte ich, dass es nur der Schweinefuttertrog war.“

Der Figur “Beatrice Potter” in den Mund gelegt in dem Film “Die wunderbare Welt der Beatrice Potter”, 2006