Ist meine Zeichnung jetzt eigentlich fertig oder nicht?

Beim Zeichnen geht es ja immer auch ums Nicht-zeichnen.

Oder anders ausgedrückt:

Eine Zeichnung entsteht nicht nur durch die Linien, die gezeichnet werden, sondern auch durch die, die nicht gezeichnet werden.

Oder anders ausgedrückt:

Zeichnen bedeutet auch, rechtzeitig mit dem Zeichnen aufzuhören.

Daran dachte vielleicht auch der Dichter Yves Bonnefoy, als er schrieb:

„So schmal ist des Zeichners Strich, so umgeben noch von den großen Stränden der Leere.“

Zu merken, wann es Zeit ist aufzuhören mit dem Zeichnen, ist Erfahrungssache.

Es gibt aber ein ganz sicheres Zeichen, durch das man erkennen kann, wann es so weit ist. Blöderweise wird dieses Zeichen oft missverstanden und, im Gegenteil, eher zum Anlass genommen erst recht weiterzuzeichnen.

Ja, wann ist denn nun meine Zeichnung fertig?

Die Antwort lautet:

Immer, wenn du dir während des Zeichnens genau diese Frage stellst, ist deine Zeichnung fertig.

Immer.

Punkt.

An dieser Stelle ist der Artikel fertig geschrieben. Da soll noch mal einer sagen, ich könnte mich nicht kurzfassen.

Falls dir das aber dann doch etwas zu knapp ist, will ich diese Antwort im Folgenden etwas ausführlicher erklären.

Wenn du jetzt weiter liest, musst du mir aber versprechen, ganz genau zuzuhören, denn es wird etwas kompliziert.

Diese Frage, ob die Zeichnung nun fertig ist oder nicht, ist eigentlich keine Frage, die beantwortet werden sollte.

Vielmehr ist diese Frage ein sicheres Zeichen.

Sobald diese Frage in deinem Kopf auftaucht, ist sie ein sicheres Zeichen, dass du dich verwandelt hast. (Nein, nicht in einen Werwolf).

In diesem Moment hast du dich von einem Zeichner, der eine Zeichnung zeichnet, verwandelt in einen Betrachter, der eine Zeichnung betrachtet.

Der Betrachter einer Zeichnung hat mit dem Zeichnen einer Zeichnung nichts zu tun, und somit hast du, als Betrachter, gar nicht die Kompetenz diese Frage zu beantworten.

Theoretisch könnte sich diese Frage, ob die Zeichnung nun fertig ist oder nicht, nur der Zeichner, der zeichnet stellen.

Der kommt aber gar nicht auf die Idee, sich auch nur irgendwas zu fragen.

Ein Zeichner versteht weder eine Sprache aus Wörtern noch spricht er sie.

Ein Zeichner versteht nur Gefühle und handelt intuitiv.

Ein Zeichner zeichnet sprachlos.

Er weiß immer, ob seine Zeichnung fertig ist oder nicht und bringt dies zum Ausdruck, indem er zeichnet oder eben nicht.

Es ist immer nur der Betrachter einer Zeichnung der zweifelt, der hin und her überlegt und der glaubt, es bedürfe rational begründeter Argumente, um beurteilen zu können, ob eine Zeichnung fertig ist oder nicht.

Wenn dich also mitten im Zeichnen plötzlich diese Frage zwickt, weißt du, dass die Entscheidung in diesem Moment gefallen ist:

Die Zeichnung ist fertig.

Falls sich später herausstellen sollte, dass sie doch nicht fertig war, was immer seltener vorkommen wird, wenn du dich daran gewöhnst, diese Frage als ein Zeichen zu verstehen, kannst du auf jeden Fall sicher sein, dass du in diesem Moment fertig warst mit dem Zeichnen.

Nichts, was du vom Standpunkt des Betrachters aus der Zeichnung hinzufügst, wird der Zeichnung guttun, denn der Betrachter kann nicht zeichnen.(!)

Du hast die Verantwortung gegenüber der Zeichnung, das zu akzeptieren und die Zeichnung in diesem Moment loszulassen.

Es ist wichtig, das Auftauchen dieser Frage nicht zum Anlass zu nehmen, jetzt erst recht weiterzuzeichnen, auch wenn es dir als Betrachter völlig normal erscheint zu glauben, dass du beurteilen kannst, ob die Zeichnung noch zu verbessern oder gar zu retten ist.

Spätestens bei solchen Gedanken müssen bei dir sämtliche Alarmglocken läuten. Versuche diesen Einflüsterungen zu widerstehen und lege den Stift aus der Hand.

Du kannst nichts mehr tun und der Zeichner hat schon längst den Raum verlassen.

Zitat aus: Yves Bonnefoy, Wandernde Wege, 1997

Egal wie und egal was

Zeichnen ist nicht schwierig. Es ist manchmal schwierig anzufangen. Es ist schwierig, sich zu überwinden, es tatsächlich zu tun.
Beim Zeichnen lässt man sich darauf ein, etwas Unvorhersehbares zu tun.
Das macht Angst.
Deshalb ist es das Allerwichtigste ins Tun zu kommen, egal wie und egal, was man zeichnet.
Zuerst den Stift in die Hand nehmen und ihn übers Papier bewegen.
Wenn man so weit ist, hat man den schwierigen Teil hinter sich.

Um zu zeichnen, braucht man keine Idee

Um zu zeichnen, braucht man keine Idee. Du beginnst einfach damit, was direkt vor dir steht, wo immer du gerade zeichnen möchtest.

Alles ist des Zeichnens wert, ob es die Computermaus ist, der Kaffeebecher oder Wiesenblumen in einem Wasserglas.

Beginne mit irgendetwas und wenn du erst einmal tatsächlich angefangen hast, willst du gar nicht mehr aufhören, denn du wirst plötzlich so viel entdecken, was du alles zeichnen willst.

Porträtzeichnen – spontan und intuitiv, 3-tägiger Kurs, nur noch 1 Platz frei

Porträtzeichnen mit Martina Wald

3-tägiger Kurs in der Kunstakademie Eigenart in Bad Heilbrunn/Landkreis Bad Tölz

vom 27. bis 29. September 2019

– nur noch 1 Platz frei –

Kursgebühr für 3 Tage: 275 Euro

Für mehr Informationen und Anmeldung bitte diesem Link folgen.

Ich weiß, alle sagen Porträt zeichnen sei schwierig. Und ich verstehe auch warum.

Das Gesicht eines Menschen zu zeichnen ist tatsächlich etwas Besonderes.
Bei Blumen und anderen Dingen kann man improvisieren, da kommt es ja nicht so drauf an, könnte man denken, aber bei einem Gesicht – das muss sitzen oder man lässt es lieber gleich.

Schade. Man verpasst so viel.

Denn gerade das Zeichnen eines anderen Menschen kann ganz besonders viel Freude machen.

Am Freitag, den 27. September beginnt ein 3-tägiger Kurs in der Akademie Eigenart in Bad Heilbrunn (nur 50 km von München entfernt) und es ist noch 1 (!) Platz frei.

In diesem Workshop werden wir nicht exakt messen und nicht krampfhaft versuchen, alles richtigzumachen, sondern wir zeichnen spontan und intuitiv.

Und das macht den Unterschied.

Trotzdem – oder gerade deswegen – werden wundervolle einfühlsame und stimmige Porträts entstehen.

Spontanes Zeichnen bedeutet, es wird nicht lang geplant und vorbereitet.

Es gibt keine Vor-Zeichnungen, nach denen das endgültige Porträt gezeichnet wird.

Beim spontanen Zeichnen wird der unmittelbare Eindruck, den man von einem Menschen in diesem Moment erhält, unmittelbar auf dem Papier zum Ausdruck gebracht – also direkt von den Augen in die Hand aufs Papier.

Intuitives Zeichnen bedeutet, wir nähern uns der Sache nicht mit dem Verstand, also nicht mit einem rational erworbenen Vorwissen, sondern mit dem Vertrauen, dass sich Hand und Auge sehr gut verstehen.

Die Hand bringt den Eindruck zu Papier, ohne dass ihr der Verstand dazwischen redet.

Für diese Vorgehensweise ist es eine Grundvoraussetzung, dass wir in diesen drei Tagen die Wörter „falsch“ und „Fehler“ aus unserem Wortschatz streichen.

Du wirst merken, wie gut das tut und wie leicht das Porträt zeichnen wirklich ist.

Denn es ist nicht schwierig, ein Porträt zu zeichnen, wenn man bereit ist, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, wenn man bereit ist, diesem anderen Menschen tatsächlich zu begegnen.

Wenn du also Lust hast, endlich mal locker und entspannt Porträts zu zeichnen, würde ich mich freuen, dich in Bad Heilbrunn zu treffen.

1 Platz ist noch frei!

Telefonisch anmelden kannst du dich unter der Nummer
0176 – 42 07 52 05
Die Kursgebühr beträgt 275 Euro für drei Tage.
Mehr Informationen findest du auf der Webseite der Akademie Eigenart