Hast du Prüfungsangst vorm Zeichnen?

Pfingstrose2In einem Sommer vor vielen Jahren, ich weiß nicht mehr wann, aber es ist ca.10 Jahre her, unterzog ich mich selbst einer Prüfung.

Ich wollte endlich wissen, ob ich nun zeichnen kann oder ob ich es nicht kann.

Meine Prüfungsaufgabe lautete:
Zeichne eine Rose naturgetreu. Du hast nur einen Versuch und maximal eine Stunde Zeit.

Ich war der Prüfling und die Prüfungskommission in einer Person, und ich sage es lieber gleich: ich bin durchgefallen.

Der Anlass dieser Prüfung war folgender:
Ich hatte zugesagt einen Nachmittag auf einem Sommerfest für einen guten Zweck die Besucher zu portraitieren. Im ersten Moment hörte sich das nach viel Spaß an.
Ich liebte es in der Akademie in der Portrait-Klasse Menschen zu zeichnen.

Warum nicht auch öffentlich zeichnen, wo einem hunderte fremde Menschen dabei zusehen……………………….

Genau.
Keine 24 Stunden später war bei mir die Panik ausgebrochen.

War ich von Sinnen?

„Bis zu dem Termin in zwei Wochen muss ich jetzt nur noch ganz schnell zeichnen lernen“, sagte ich nur halb im Scherz zu meinem damaligen Zeichenlehrer, der mich kalt lächelnd in diese ganze Unternehmung hineingeritten hatte.

Ich hoffte darauf, von ihm etwas Aufmunterndes zu hören, etwa in der Art, „aber meine Liebe, du kannst doch ganz hervorragend zeichnen.“

Stattdessen kam er mir philosophisch.
Er sagte nur: „Wird man denn je fertig mit dem Lernen?“ und damit lies er mich stehen.

Na danke auch, das war mir keine große Hilfe.

Ich überlegte ernsthaft, die ganze Sache abzublasen. Aber zuvor wollte ich noch etwas ausprobieren. Ich beschloss, meine Zeichenfähigkeit einer ultimativen Prüfung zu unterziehen.

Wenn ich die Prüfung bestand, wollte ich die Zusage aufrecht erhalten, wenn nicht, würde ich absagen.

Ich sprang aus dem Bett, denn es war abends um 11 und ich war eigentlich schon schlafen gegangen, machte das Licht an und holte mir den Zeichenblock und einen Bleistift.
Eine einzelne Rose in einem Wasserglas stellte ich als „Modell“ auf den Nachtisch.

Ich formulierte die schon genannte Aufgabe, Rose naturgetreu, nur ein Versuch und nicht länger als eine Stunde, und begann, auf der Bettkante sitzend, zu zeichnen.

Etwas Wesentliches hatte ich allerdings vergessen und hätte ich daran gedacht, wäre mir vielleicht gleich aufgefallen, dass ich von Anfang an keine Chance hatte, diese Prüfung zu bestehen.
Ich hatte mir nämlich keine Bewertungskriterien überlegt, anhand derer ich den Erfolg oder Misserfolg meines Tuns hätte messen können.
Wie wollte ich denn beurteilen, ob ich denn nun zeichnen konnte oder nicht?

Ich hatte keine Ahnung, merkte es aber nicht.

Wahrscheinlich dachte ich, das Wort „naturgetreu“ sei als Vorgabe völlig ausreichend. Was es aber genau bedeuten sollte, davon hatte ich keine Vorstellung.

Ich wollte so zeichnen können wie jemand, der es kann. Basta.

Ich habe keine Stunde gebraucht, um festzustellen, dass meine Zeichenfähigkeit diesem diffusen Anspruch nicht genügte.
Für mich war es schnell ganz offensichtlich:

Ich konnte nicht zeichnen.

Ich glaube, dass sehr viele von uns, die gerne zeichnen, ohne sich dessen bewusst zu sein, sich immer und immer wieder dieser Art von Prüfung unterziehen. Jede neue Zeichnung soll beweisen, ob man nun dazu geboren ist zu zeichnen und ob es sich lohnt weiterzumachen.
Da wir uns aber an völlig unrealistischen Vorgaben messen, besteht keiner von uns jemals diese Prüfung.

Diese Vorgaben sind nicht unrealistisch, weil es uns etwa an Talent fehlt, sondern weil wir uns an etwas messen wollen, das mit uns, mit unserer Realität, mit unserer Person und mit unserem Wesen, NICHTS zu tun hat.

Wir glauben, um gut zeichnen zu können, so zeichnen zu müssen, wie jemand anderes, der in der Vergangenheit ein für alle mal vorgegeben hat, was es heißt, gut zu zeichnen, wie z. B. da Vinci.

Aber selbst da Vinci konnte nicht besser oder anders zeichnen als er selbst. Das liegt daran, dass er da Vinci war und nicht jemand anderes.

Wenn wir immer nur danach streben, „genauso gut wie…“ zu zeichnen, werden wir uns nie diese blödsinnigen, selbst auferlegten Prüfungen bestehen lassen.
Um so öfter wir uns durchfallen lassen, um so schwieriger wird es, diese beständig höher werdende Frustmauer zu überwinden und uns immer wieder frei und unvoreingenommen dem Zeichnen, unserem Zeichnen, zuzuwenden.
Das eigene Zeichnen wird oft grundsätzlich mit „ungenügend“ bewertet, weil wir nicht anders zeichnen, wie wir es eben tun.

Gut zeichnen zu wollen, bedeutet für uns oft nichts anderes, als „anders“ zeichnen zu wollen. Aus Prinzip glauben wir, dass die Art, wie wir zeichnen, keine gute Art sein kann.

Inzwischen weiß ich jedoch, dass jeder Zeichner, jede Zeichnerin, für sich selbst das jeweils eigene Zeichnen völlig neu finden und erfinden muss.

Ja, wir können und müssen von anderen Zeichnern und Künstlern lernen, und ja, wir können und müssen uns von anderen Zeichnern und Künstlern inspirieren lassen, aber wir werden nie zu guten Zeichnern, nach unseren eigenen, nur für uns selbst gültigen Bewertungskriterien, wenn wir nicht aufhören, uns an anderen Zeichnern zu messen.

Nachdem ich also so „versagt“ hatte, stand ich vor der Wahl tatsächlich abzusagen, und mich dann allerdings wegen Feigheit vor dem Feind zu blamieren oder die Sache halbwegs aufrecht stehend durchzuziehen.
Ich entschied mich für letzteres und ich habe an diesem Tag bei diesem Sommerfest, innerhalb von drei Stunden ungefähr 50 Gesichter gezeichnet.
Nicht wenige der Portraitierten waren von dem Ergebnis ihres zweiminütigen Modellsitzens alles andere als begeistert.
Andere wiederum freuten sich wie Schneekönige, als ich ihnen die fertige Zeichnung zusammengerollt in die Hand drückte.
Schon nach kurzer Zeit des Zeichnens, die Leute standen Schlange und ich zeichnete ununterbrochen, merkte ich, dass es mir völlig egal war, was andere über meine Zeichnungen dachten. Ja, mir war es sogar egal, was ich selbst über meine Zeichnungen dachte.
Ich dachte überhaupt nicht mehr. Ich fühlte nur noch.
Ich fühlte die Menschen, denen ich ins Gesicht blickte und ich fühlte das Zeichnen und ich fühlte, dass mit jeder Zeichnung etwas Neues, noch nie zuvor Dagewesenes entstand.

Ich zeichnete, wie nur ich zeichnen konnte, und das war verdammt gut.

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5 Gedanken zu „Hast du Prüfungsangst vorm Zeichnen?

  1. Das ist mal wieder ein wunderbarer Beitrag dazu, sich zu trauen, man selbst zu sein! Ich bewundere Dich, in wie vielen Variationen Du das ausdrücken kannst! Mit Worten und mit Bildern. Es ist immer wieder Salbe für meine Seele!
    Danke Dir!
    Regina

  2. Bewundernswert!
    Portraits zeichnen von Menschen die leibhaftig vor einem stehen und drauf warten bis es fertig ist.
    Ich gehöre ja nicht gerade zu den Verzagtesten, aber Portrait, plein air sozusagen, wäre eine echte Herausforderung für mich.
    Zumal bei Portraits die Schwierigkeit nicht beim Zeichnen sondern bei der Ähnlichkeit liegt.
    Ausrufe wie „DAS soll ich sein?“ können da schon einigermassen einschüchtern wirken, aber trotz fortgeschrittenen Alters bin ich auf dem Weg und immer offen für Neues. Warum nicht auch mal Portrait…

    Grüsslen aus dem sonnigen Süden sendet
    Ben

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