Dem Zeichnen endlich eine Chance geben

„Als meine Tochter ungefähr 7 Jahre alt war, fragte sie mich, was ich arbeite. Ich erzählte ihr, dass ich an einem College unterrichte und dass es mein Job sei, den Menschen dort das Zeichnen beizubringen. Sie starrte mich an, ungläubig, und schließlich sagte sie: Du meinst, sie vergessen es?“

Howard Ikemoto, Maler und Professor,

in: American Style, Summer 2010, Nr. 72

Manchmal könnte man tatsächlich glauben, Menschen vergessen, dass sie zeichnen können, und zwar seit ihrer frühesten Kindheit. Viele Erwachsene behaupten ohne zu zögern „ich kann nicht zeichnen“ oder  „zeichnen habe ich nie gelernt“.

Mein kleiner Neffe war noch keine zwei Jahre alt, da bekam jeder in der Familie ein von ihm selbst gezeichnetes Bild zu Weihnachten geschenkt. Obwohl mein Neffe zweifellos das klügste Kind der Welt ist, glaube ich nicht, dass das für sein damaliges Alter eine außergewöhnliche Leistung war. Man gebe einem Kleinkind einen Stift in die Hand und wenn man  dann nicht schnell genug Papier dazu legt, hat man in kürzester Zeit ein völlig neues Wohn-Gefühl. (Es ist ja alles so schön bunt hier.)

Vor Erfindung der Schrift haben sich die Menschen zur besseren Verständigung Bildchen gemalt, und Schreiben ist nichts anderes als formatiertes abstraktes Zeichnen.

Zeichnen ist eine ganz natürliche Ausdrucksform des Menschen.

Was passiert zwischen dem Kind sein und Erwachsensein, dass sich bei fast allen Menschen die Einstellung zum Zeichnen so grundlegend ändert?

Es passiert viel. Kurz zusammengefasst:
Das älter werdende Kind wird sich selbst und seiner Handlungen bewusst, es lernt zu vergleichen, zu urteilen und zu bewerten. Es lernt nicht nur Gut und Böse zu unterscheiden, sondern auch (vermeintlich) Richtig und (vermeintlich) Falsch und zwar in allem was es tut.

Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme und erzähle, dass ich Zeichen-Künstlerin bin und es meine Passion ist, erwachsene Menschen davon zu überzeugen, ihre Angst vorm Zeichnen zu überwinden und wieder mit Freude und Leichtigkeit zu zeichnen, hört man mir sehr aufmerksam zu.

Viele sagen spontan, „ach, ich kann nicht zeichnen“ oder „ich wünschte, ich könnte zeichnen“. Es gibt kein Gespräch, in dessen Verlauf ich nicht mindestens eine traurige Geschichte zu hören bekomme. Sie ähneln sich sehr und hören sich an wie zum Beispiel diese:

„Als ich in der dritten Klasse war, habe ich einen Elefanten gezeichnet und etwas weiter darunter eine Wiese mit Blumen. Die Lehrerin schaute es sich an und sagte zu mir: was hast du denn da für einen Blödsinn gemacht, ein Elefant kann doch nicht fliegen. Dein Elefant steht ja überhaupt nicht auf dem Boden. Ich habe mich sehr geschämt und habe seitdem nicht mehr gerne gezeichnet.“

In einer anderen Geschichte musste ich hören, dass der Lehrer dem entsetzten Schüler empfahl, nachdem er dessen Bild begutachtet hatte, das Zeichnen doch lieber gleich für immer aufzugeben.

Jedes Kind erlebt irgendwann einmal, dass ein Erwachsener seine Leistung, und nicht nur seine Fertigkeit im Zeichnen, schlecht bewertet und die meisten Kinder kommen ganz gut damit zurecht. Nicht jede schlechte Note und nicht jede gedankenlose Bemerkung sorgt gleich unausweichlich für ein lebenslanges Trauma.

Allerdings ist mir etwas aufgefallen:

Egal was es war, eine schlechte Note in Mathe oder Englisch oder ein vermasselter Biotest, als Erwachsener erinnert man sich entweder überhaupt nicht mehr daran oder geht mit einem nostalgisch verklärten Lächeln darüber hinweg.

Wenn jedoch jemand davon berichtet, wie er als Kind für seine Zeichnungen getadelt wurde, wird er sehr ernst.

Er weiß noch sehr genau WANN es geschah, WO es geschah, WER so abwertend zu ihm gesprochen hat und WAS gesagt wurde. Er kann sich genau an die Umstände erinnern, wie das Bild ausgesehen hat und wie der Lehrer hieß, auch wenn die ganze Sache schon über 30 Jahre zurückliegt. Vor allem aber kann sich der Betroffene an das GEFÜHL erinnern, das in ihm ausgelöst wurde, ein Gefühl tiefer Beschämung.

Das Gefühl von Scham ist heutzutage immer noch ein Tabuthema. Jeder kennt es, aber keiner spricht darüber. Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Brene Brown hat zu diesem Thema ein Buch veröffentlicht mit dem Titel:

„I Thought It Was Just Me“.  (übersetzt ungefähr: Ich dachte, nur mir geht es so)

Sie schreibt, sich zu schämen und beschämt zu werden erzeugt ein Gefühl der Wertlosigkeit und große Angst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, das Entsetzlichste was dem Herdentier Mensch zustoßen kann.

Wenn wir für etwas ausgelacht werden, mit dem wir uns als Mensch so stark identifizieren wie dem Zeichnen, weil es auf ganz natürliche Weise zu uns gehört, kann sich das tatsächlich traumatisierend auswirken.

Wir glauben dann nicht einfach nur, wir können halt irgendetwas nicht besonders gut, etwas das man lernen kann oder will oder auch nicht.

Nein, speziell beim Zeichnen ist es viel schlimmer.

Wir fühlen unser ganzes Sein, unsere Existenzberechtigung in Frage gestellt. Dieser Schmerz sitzt bei manchen Menschen so tief, dass es ihnen als Erwachsene nicht mehr gelingt, sich dem Zeichnen unbekümmert zuzuwenden.

Um diesen Schmerz  endlich zu überwinden und dem Zeichnen in seinem Leben wieder eine Chance zu geben, kann man einem 5 Punkte-Plan folgen:

1. Sich an den Schmerz erinnern, ihn zulassen und akzeptieren.

2. Das Kind, das man einst war, in Gedanken in die Arme nehmen und es trösten.

3. Sich klar machen, dass die Lehrer und andere Erwachsene, von denen man so verletzt wurde, selbst tief verletzte Menschen waren und ihnen von ganzem Herzen verzeihen.

4. Die alte Geschichte loslassen, sich klar machen, dass man selbst entscheiden kann, welchen Gedanken und Gefühlen man erlaubt, Macht über sein Leben zu haben: die eines kleinen beschämten und verängstigten Kindes oder die eines erwachsenen Menschen, der Zusammenhänge erkennt, versteht und seinen Mitmenschen verzeihen kann.

5. Ganz neu anfangen. Dem Zeichnen, und nicht zuletzt seinem eigenen Leben, eine neue Chance geben und endlich wieder ANFANGEN zu zeichnen.

Ich war nicht dabei als mein kleiner Neffe das Bild, das ich von ihm geschenkt bekam, malte. Ich bin mir aber sicher, dass er ohne zu zögern den Stift aufs Papier setzte und er nicht die leisesten Zweifel hatte, der Aufgabe gewachsen zu sein. Ich wünsche ihm sehr, dass es auch immer so bleibt.

______________________________________________________________________

 

Das kostenlose online-Magazin

 „Mit Freude und Leichtigkeit jeden Tag zeichnen“

 erscheint monatlich

 mit Ideen und Inspirationen zum mühelosen Zeichnen.

 Um „Mit Freude und Leichtigkeit jeden Tag zeichnen“ monatlich per e-mail zu erhalten, trage dich bitte in das unten stehende Formular ein. (Selbstverständlich werden alle Namen und Adressen vertraulich behandelt und niemals weitergegeben.)

Das online-Magazin kann jederzeit problemlos mit einem einzigen „Klick“ gekündigt werden.

X – Ja, ich möchte gerne kostenlos das online-Magazin

“Mit Freude und Leichtigkeit jeden Tag zeichnen“ abonnieren.

Bitte vor dem “Abschicken” noch mal schnell überprüfen, ob die email-Adresse richtig geschrieben wurde.

Herzlichen Dank! 🙂

 

9 Gedanken zu „Dem Zeichnen endlich eine Chance geben

  1. Ich glaube es gibt auch viele Menschen die es dann mit dem Zeichnen bleiben lassen, wenn der eigene Anspruch der Wirklichkeit davonzulaufen beginnt.
    Wenn also der gezeichnete Elefant nicht dem Elefant auf dem Foto entspricht und man auch nicht so genau weiß wie er denn „naturgetreu“ zu Papier zu bringen wäre.
    Lockerlassen ist dann eine gute Strategie: Es ist egal wie der Elefant aussieht. Es ist meine Sicht des Elefanten und die muss ich ja auch niemandem zeigen.
    Der Rest ist wie bei allen anderen Fertigkeiten. Die Elefanten werden besser und irgendwann merkt man auch, dass Fotos keine Zeichnungen sind und umgekehrt.
    Das ist der Punkt, an dem man seine ureigenste Ansicht des Elefanten gefunden hat.
    Wer wollte da noch behaupten diese Sicht sei „falsch“?

    Es verbleibt mit elefantösen Grüßen
    Ben

    • Ich kann da nur sagen „Amen“, Ben.
      Du schreibst: „Wer wollte da noch behaupten diese Sicht sei falsch?“ Das ist der Knackpunkt: „Falsch“ gemessen woran???? Wie würde „Richtig“ denn aussehen?
      Beim Zeichnen wird oft die exakte Reproduktion angestrebt („naturgetreu“).
      „Richtig“ würde dann nämlich bedeuten: ein zweiter echter lebendiger Elefant bzw. ein weiteres Foto eines Elefanten.
      Es ist wie du sagst: eine Zeichnung ist kein Foto. Eine Zeichnung ist auch kein Elefant. Eine Zeichnung ist eine Zeichnung und sieht auch immer aus wie eine Zeichnung.

      • Ich habe diese ganze Seite hier mit großem Interesse gelesen. Ja, da klingen Seiten im Innern an, an deren Klang man sich gut erinnert. Kindern die Talente wegreden finde ich eh schon unsensibel. Aber man kann sich davon erholen durch beharrliches Zuwiderhandeln *gg*
        Ich finde es gut, wenn jeder Mensch seinen eigenen Malstil hat. Nur nicht aufgeben … 🙂

  2. Eine Religion wollte ich eigentlich nicht draus machen 🙂
    Aber wie Du schon sagtest: Dürer hatten wir schon. Da darfs auch mal was Neues sein.

    Ein Grüßle aus dem Süden
    Ben

  3. Dasselbe Phänomen gibt es beim Singen: Ich habe von mehreren Menschen traurige Geschichten darüber gehört, wie Lehrer oder Eltern sie tadelten, weil sie angeblich FALSCH singen würden. Einige haben sich davon nie wieder davon erholt und singen nie wieder. Ich gebe zu, es fällt mir auch schwer, Tönen zuzuhören, die für meinen Geschmack daneben liegen. Aber beim Circlen (das ist so eine Art Singen im Kreis) oder bei Klangwolken können selbst die schrägsten Töne unglaublich bereichernd sein und dazu anregen, auch mal krumm und schief zu singen, disharmonisch zu werden. Ich finde es super, wie du Menschen zu ihrem Ausdruck zurückführst!

    • Hallo Preißndirndl (was hast Du für einen schönen Namen 🙂 ),
      ich freue mich sehr über Deinen Kommentar. Töne/Musik machen ist ebenfalls etwas zutiefst Menschliches. Nur wenn wir uns trauen, unsere eigenen Töne zu singen und unsere eigenen Striche zu ziehen, können wir herausfinden, wer wir wirklich sind. Das immer nur vermeintlich „richtig“ machen, bringt uns nicht weiter.

  4. Wieder ein wunderbarer Beitrag, liebe Martina, vielen Dank dafür!

    Auch ich möchte eine Geschichte beisteuern, die mir in der Grundschule widerfahren ist.

    Wir hatten die Aufgabe einen Erdteil zu zeichnen und ich hatte mich zuhause hingesetzt und in größtmöglicher Präzision Südamerika zu Papier gebracht. Als ich fertig war verglich ich mein Werk mit dem Schulatlas und war sehr zufrieden und natürlich auch stolz.
    Am nächsten Tag in der Schule, begutachtete meine Lehrerin die Zeichnung und rief sofort aus „Das hast Du abgepaust – das ist nicht erlaubt!“
    Natürlich hatte ich nicht abgepaust sondern mir einfach viel Mühe gegeben.
    Diese Rüge vor allen Klassenkameradinnen und Kameraden hat sich so tief eingebrannt, dass ich meine Freude am Zeichnen für 45 Jahre tief in meinem Herzen vergraben hatte.

    Heute bin ich 49 und habe durch Deine Texte, liebe Martina, endlich wieder den Stift in die Hand genommen und zeichne nun jeden Tag. Und was soll ich sagen … es ist wie nach Hause zu kommen … ICH LIEBE ES!! 😀

    Ich danke Dir von Herzen dafür!

    Ganz liebe Grüße
    Dermot O’Shea

    PS: An alle Zweifler da draußen: Traut euch und fangt einfach an!

    • Lieber Dermot,
      ganz vielen Dank für deinen ermutigenden Aufruf! Dasist genau die Botschaft, die ich verbreiten will.
      Ich musste beim Lesen deiner Geschichte schmunzeln. GENAU das selbe ist mir nämlich auch passiert. Man muss nur den gezeichneten Erdteil gegen ein Fledermaus-Skelett austauschen und alles andere war gleich. Ich weiß auch noch genau, wie unfassbar verletzt ich war.
      Aber wir müssen ja in diesen alten Gefühlen nicht stecken bleiben, sondern können neue Lebens- und Zeichenerfahrungen machen.
      Willlommen zu Hause, Dermot!
      Herzliche Grüße,
      Martina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s